Die Erkenntnis, daß jede Gesellschaft ihren Ursprungsmythos besitzt, ist der Anthropologie zu verdanken. Bis zu den Ausgrabungen in der Brixham Höhle im Jahr 1859 und der beinahe simultan erscheinenden Lehre Darwin’s vom Ursprung der Arten, setzte man den Ursprung der Nationen innerhalb des vorgegebenen Biblischen Zeitrahmens von sechstausend Jahren fest. In Großbritannien wurde der Biblische Mythos durch die Faszination der Invasionsgeschichte durch Kelten, Saxen und Normannen ergänzt und wie andernorts auch übten diese Ursprungsmythen einen politischen Einfluß aus.
1797 erschien ein Buch von Charles Valencey, "The ancient history of Ireland proved from the Sanskrit books of the Brahmins", das mit großer Wahrscheinlichkeit vom Druiden Orden anerkannt wurde. Nach Meinung von D.M. Bennet präsentierte der Autor anläßlich seines Besuches in Adyar im Jahr 1882 einen Brief an Colonel Olcott. Während des 19. Jahrhunderts wurde die Debatte über die Natur der Staatsform und die Bestimmung der englischen Zivilisation und die "Irische Frage" strukturell durch die Mythen vom Ursprung der Rassen bestimmt. Aber das war keine ausschließlich britische Erscheinung, eine ähnliche Diskussion gab es in Frankreich, wobei Ernest Renan die dominierende Rolle spielte.
Renan’s Arbeit rühmt die keltische Literatur, beschreibt aber gleichzeitig ihre traumartige Qualität und als Konsequenz ihre politische Ohnmacht auf eine Art, die an Hegel’s Beschreibung der indischen Zivilisation erinnert, die keinen geringen Einfluß auf Rudolf Steiner ausübte. Die Brahamanisch arische Invasion des Südens bildete die Grundlage für eine Arbeit über indische Sprachen durch den Missionar Robert Caldwell, der in seiner 1856 veröffentlichten "Comparative Grammar of the Dravidian or South-Indian Family of Languages" für die der Dravidianischen Kultur, Sprache und Rasse innewohnende Automie und für die fremdartige Natur im Brahmaischen Hinduismus des Südens plädierte. Obwohl diese Arbeit eindeutig für die traditionelle missionarische Attacke auf den Brahmanismus bestimmt war, dominiert sie noch heute die südindische Politik. Ähnlichkeiten zwischen der Kolonialisierung Irlands und Indiens durch die Briten entgingen auch nicht so bedeutenden literarischen Persönlichkeiten Irlands wie W.B. Yeats und besonders James Cousins. Cousins, der Theosoph war lehrte, daß die Irische Kultur ihren Ursprung in vorchristlichen asiatischen Religionen hatte.8
Ein kritischer Punkt in der Entwicklung des Denkens über Rasse, Sprache und Kultur war 1786 erreicht worden, als William Jones anhand der vergleichenden Sprachforschung ein Konzept der indoeuropäischen Sprachenfamilie erstellt hatte. Für ihn und viele andere britische Orientalisten Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts, gehörten Indien und der Hinduismus zur Biblischen Weltgeschichte der Menschheit. Die Sympathie, die Jones Indien und seiner Zivilisation entgegenbrachte, wurde nach und nach durch Attaken der Utilitaristen und Evangelisten an den Rand gedrängt. Mit dem Aufkommen der Unabhängigkeitsbestrebungen ab den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts nahmen diese Attacken zunehmend rassistische Züge an. Sie kulminierten in Robert Knox’s 1850 veröffentlichtem Buch "The Races of Man". Ersetzt Biologie die Sprache als Grundlage des wissenschaftlichen Wissens, übernimmt der rassische Essentialismus die Führung. Der Hindu Nationalismus baute auf der rassischen Überlegenheit des "arischen" Mythos auf und das Werkzeug, um zum Ursprung und zur Essenz der Hindu Nation vorzudringen, war die Sanskrit Philologie. Sie lieferte die wissenschaftliche Sprache, um "Spätkommende", wie die Musleme als Außenseiter von der Geschichte der Nation auszuschließen.
Angelpunkt dabei ist der Gebrauch des Wortes arisch wie im Namen der amerikanischen und englischen Theosophischen Gesellschaften der Zeit (z.B. die Aryan Theosophical Society of New York) und der "Aryan League of Honour". Die Bedeutung des Wortes "arisch" ist natürlich nicht so zu interpretieren, wie es einem Bewußtseinszustand nach dem Zweiten Weltkrieg entspricht. Im Fall von Olcott und Blavatsky würde man eine nähere Verwandtschaft zur Bedeutung des Sanskritwortes "Arya" erwarten, wie es der Vedische Arya Samaj und andere beabsichtigten. Demnach bedeutet arya einen Zustand der Zivilisation, unabhängig von Sprache, Rasse oder sogar ethischen Werten. Aber in der Geheimlehre, die den Subkontinent Indien in zwei Hälften teilt und ein überlegenes rassisches Erbe in ein Ursprungsland außerhalb Indiens verlegt, ist der Begriff eindeutig mit rassistischen Implikationen verbunden. Etwa heißt es: "Wie die verhältnismäßig hellen Brahmanen Indien mit seinen dunkelhäutigen dravidianischen Rassen vom Norden her eroberten, so muß die arische fünfte Rasse ihren Ursprung aus nördlichen Religionen einfordern."9
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte kein Inder jemals etwas davon gehört, daß seine Ahnen arische Eroberer sein könnten, welche die eingeborene Zivilisation zerstörten und deren Menschen versklavten. Noch hatte ein Inder im Süden jemals davon geträumt, er gehöre zu den rechtmäßigen Besitzern des ganzen Subkontinentes, den er verlor, als die arischen Eroberer seine Vorfahren aus dem Norden Indiens vertrieben und es zum Aryavarta, dem Land der Arier erklärten. Diese Arisierung von Indien bildete den Eckpfeiler, auf dem das Fundament des Rassismus im 19. Jahrhundert errichtet werden konnte. Sie steht und fällt mit der Theorie, daß die indoeuropäische Sprachenfamilie von einem angenommenen Heimatland, vermutlich in Osteuropa ausging, das sich im westlichen und südlichen Europa und in Indien als kutlurelles Erbe von erobernden, die Eingeborenen unterdrückenden Reitervölkern etablierte.10 Anhand dieser Arisierungstheorie konnten britische Kolonialisten und germanische Nationalisten behaupten, die in der Vedischen Literatur genannten "Arier" wären nicht aus dem Osten gekommen.
Trotz ihres dubiosen Ursprungs und mittlerweile vorhandenener Evidenz, daß es sich so nicht verhielt, dominiert diese Theorie bis heute das westliche Bewußtsein. Das veranlaßte Prof. Edmund Leach, den Vorstand des King’s College in Cambridge, zur Bemerkung: "Weshalb halten seriöse Forscher an dem Glauben arischer Invasionen fest? – Weshalb ist das so attraktiv? Wer findet es attraktiv? Weshalb wird die Entwicklung des frühen Sanskrit derart dogmatisch mit einer arischen Invasion in Verbindung gebracht? – Die Details dieser Theorie passen in ein rassistisches Denkgebäude. Der Mythos des britischen Kolonial-Imperialismus erlaubte einer Elite von Administratoren der Indischen Regierung die Empfindung, "reine" Zivilisation in ein Land zu bringen, dessen Zivilisation zu einer der am höchsten entwickelten (aber "moralisch korrupten") Zivilisationen gehörte, die bereits an die 6000 Jahre alt war. Hier möchte ich nur anmerken, daß dieser Mythos in der Vorstellung der britischen Mittelklasse immer noch eine derart große Rolle spielt, daß sogar noch heute, 44 Jahre nach dem Tod von Hitler und 43 Jahre nach der Gründung eines unabhängigen Indien und Pakistan, die arischen Invasionen des 2. vorchristlichen Jahrtausends so behandelt werden, als wären sie ein anerkanntes historisches Faktum."11
Die weit verbreitete Bedeutung des Ausdruckes "Arya" geht größtenteils auf Friedrich Max Muller zurück, der das Sanskritwort auf eine Sprachenfamilie anwendete, die wir heute indoeuropäisch nennen. Sir William Jones artikulierte dieses Konzept 1786 als eine Gruppe verwandter Sprachen, zu denen Sanskrit, Latein, Griechisch, das Gotische, Keltische und Altpersische gehörten, die sich aus einer verlorengegangenen Ahnensprache entwickelten, ohne ihr allerdings einen Namen zu geben. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß die Menschen, die eine indoeuropäische Sprache sprachen, eine rassische Einheit, eine reine Gruppe bildeten. Die prinzipiellen Kennzeichen der arischen Identität sind von kultureller Art (Religion und Sprache) und nicht physischer oder rassischer Art.
Indem man die ursprünglichen Arier in Europa ansiedelte, von wo aus sie später nach Indien migrierten, vermied man den Eindruck, die Europäer könnten auf irgend eine Art von der Indischen Kultur abstammen. Nicht überraschend nahm diese Theorie schließlich antisemitische Züge an. Man bediente sich ihrer, um die westliche Kultur nicht mehr auf die Juden und deren Biblischen Beitrag zurückführen zu müssen, sondern auf ein angenommes europäisches Heimatland, das von siegreichen, erobernden Nordländern dominiert wurde. Anstatt einen Keil zwischen die altägyptische und die griechische Zivislisation zu treiben, tendierte man dazu, die Ägypter zu Weißen zu machen. Indem man die Ägypter mit den Griechen gleichsetzte, trieb man den Keil des Anderssein stattdessen zwischen Ägypten und die schwarze Bevölkerung Afrikas. Besonders traf das auf das 1854 erschienene anrüchige Werk "Types of mankind" von J.C.Nott und George R. Gliddon zu, in dem Indien und Ägypten in den Ursprung der indoeuropäischen Idee integriert wurden. Das änderte sich erst, als der nicht-indoeuropäische Charakter der koptischen Sprache Ägyptens erkannt und die Hieroglyphen entziffert wurden.12
Die Theorie vom nordischen Ariertum beeinflußte auch die Politik. Nach Preußens Sieg über Frankreich, war es zur großdeutschen Vereinigung unter der Führung Preussens gekommen. Den Aufstieg des deutschen Nationalismus verfolgten vor allem die Briten mit steigender Besorgnis. Plötzlich war Deutschland zum populärsten und mächtigsten Land der westlichen Welt geworden. Das stellte für die britischen Ambitionen eine große Gefahr dar. Tatsächlich war unter Britisch-Indischen Autoritäten die Überzeugung weit verbreitet, Studien der indischen Kultur und des Sanskrit hätten den wesentlichen Beitrag zur deutschen Vereinigung geleistet. Sir Henry Maine, ehemals Vizekanzler der Universität von Kalkutta und Berater des Vizekönigs, drückte diese Besorgnis in einem Satz aus: "Aus dem Sanskrit wurde eine Nation geboren." Auch wenn die britische Annahme, die germanischen Nationalisten identifizierten die Deutschen als lebende Nachfahren der großen arischen Erober zu dieser Zeit übertrieben war, die Angst, das Ereignis der deutschen Vereinigung könnte sich in Indien wiederholen, war für die Briten sehr real. Sie erholten sich gerade von den Wirkungen des Aufstandes von 1857.
Die Behauptung von der Existenz einer überlegenen Rasse, entging auch nicht den russischen Slwawisten, die sich in den Dreißigerjahren aus Studentenzirkeln entwickelt hatten, die sich mit deutscher Philosophie beschäftigten. Slawisten, Panslawisten, und die auf Expansion bedachte russische Kriegspartei registrierte mit Zufriedenheit, daß sich das Wort "kaukasisch" von "Eroberer Indiens" ableitete, und daß die kaukasische Region Bestandteil der tradionellen russischen Hegenomie sei. Dostoyevsky, der für Mickhael Katkovs‘ Zeitung schrieb, vermerkte in seinen letzten Tagebucheintragungen: "Unsere Mission, Asien zu zivilisieren, wird unsere Kraft verstärken und uns dorthin führen. Alles was nottut ist, daß die Bewegung beginnen sollte. Und was die Aufregung in England über das Streben Rußlands betrifft? Wer England fürchtet, sollte zu Hause bleiben und sich nicht fortrühren."13
In England hatte sich der geborene Deutsche Max Mueller etabliert, dessen universalistische Argumente mit Sicherheit von indischen Philologen gebraucht wurde. Mueller arbeitete an seinem Lebenswerk über die Veden und die Heiligen Bücher des Ostens. Während seiner Jugend hatte er mit dem deutschen Nationalismus und der arischen Rassentheorie sympathisiert und diese Vorliebe sollte ihm nun teuer zu stehen kommen. Nach der deutschen Vereinigung war in England der britische Chauvinismus ausgebrochen, Bismarck war wegen seiner Expansionspolitik unbeliebt geworden, und beinahe täglich wurden der deutsche Kanzler und seine Politik denunziiert. Das Letzte, was sich Max Mueller mit seiner Vergangenheit als deutscher Nationalist im Viktorianischen England leisten konnte war, als Advokat der deutschen Ideologie angesehen zu werden. Wollte er in England überleben, blieb ihm keine andere Wahl, als seine früheren Theorien abzuleugnen. Er kündigte eine neue "linguistische Theorie" zur arischen Invasion an und verkündete 1872, unmittelbar nach der Erfüllung des Traumes, den deutsche Nationalisten ein Jahrhundert lang geträumt hatten, in einer von den Deutschen besetzten Universität in Frankreich die deutsche Doktrin von der arischen Rasse. Während er im Verlauf der ersten 20 Jahre seiner Karriere die Theorie von der arischen Rasse hochgehalten hatte, wurde er während der letzten dreißig Jahre seines Lebens ihr stärkster Gegner. Weil nur wenige die ganze Geschichte kennen, erinnert man sich seiner heute vorwiegend in dieser Rolle.
Bismark
war sich der Nervosität der Briten nach der Krise, die der Russisch-Türkische
Krieg ausgelöst hatte, durchaus bewußt. 1878 arrangierte er den Vertrag
von Berlin, in dem die Bedingungen des Friedensvertrages von San Stefano,
die Rußland dem Ottomanischen Reich aufgedrängt hatte widerrufen wurden.
Wie schon im ersten Teil ausgeführt, waren an dessen Revisionierung besonders
Großbritannien und Österreich-Ungarn interessiert. Großbritannien drohte
mit Krieg und Rußland stimmte aufgrund von Bismarks Intervention dem Berliner
Vertrag zu, durch den es Zypern und Bereiche des Balkan verlor. Das schädigte
die deutsch-russischen Beziehungen und ebnete den Weg für eine geheime
Allianz zwischen Frankreich und Rußland, wie sie französische Revanchisten
und russische Ultranationalisten in Zusammenarbeit mit der extremen Linken
verlangten. Das Resultat war die Theosophische Liga der Ehre und die Dalip
Singh Verschwörung.
12. Mythos und Wissenschaft im Dienst von Imperialismus und Rassismus
Es gab keinen "Hindu arischen" Mythos in Indien, er wurde außerhalb Indiens, im Westen erfunden. Erstmals hatte Jean-Sylvain Bailly (1736-1739) in dem 1775 erschienenen Buch "Histoire de l’astronomie ancienne depuis son origine jusqu’a le’etablissement de l’ecole d’Alexandrie" die Theorie von einem nördlichen Heimatland der Menschheit, wie es in der Geheimlehre angegeben ist, formuliert. 1882 veröffentlichte Fabre d’Olivet, der als Schüler Bailly’s angesehen werden kann, in "Philosophic history of human race" seine Theorie der Abstammung der weißen Rasse von den Hyperboreern, auf die sich Blavatsky häufig bezieht. Der Begriff "Arier" wurde bereits früher geprägt, von Wilhelm von Schlegel (1767-1845) in seinem 1847 erschienenem Buch "Indische Altertumskunde". Er diente dazu, den Gegensatz zwischen Indogermanen und "egoistischen und unphilosophischen Semiten" zu untermauern. So wurde der arische Mythos geboren. Einen anderen Ausdruck Blavatsky‘s, der sich auf "Lemuria" bezog, prägte 1864 der britische Zoologe Philip Lutley Sclater. In den Siebzigerjahren taucht er im kolonialen Indien auf, um 1880 erfährt er in Blavatsky’s Geheimlehre (die Meister) seine Transmutation. In den Achtzigerjahren wird er von Tamil-sprechenden Intellektuellen übernommen und in den Neunzigern zum Teil der Gesinnung der Nationalistischen Bewegung der Tamilen.
Einerseits gab es also den durch Europa (England, Frankreich, Rußland) und später durch die Nationalsozialisten propagierten Mythos von einer "arischen Invasion", andererseits den vedischen Ausdruck "Arya", der in etwa bedeutet, daß jemand einen bestimmten Verhaltenscode befolgt. Das offizielle Lexikon der Sanskrit-Sprache (Amarakosha, 5. Jh. n.d.Z.) definiert den Begriff arya als mahakula kulinarya sabhya sajjana sadhavah – "bestimmend für Menschen und deren Verhalten abhängig von deren Gesinnung und Kultur". Auch die archäologische Evidenz Indiens läßt keinen Rückschluß auf eine von Außen erfolgende "arische Invasion" zu, eher auf eine eingeborene städtische Zivilisation an den Ufern des Sarasvati Flusses (Harrapa), die sich ostwärts an den Ganges verlegte, als der Sarasvati austrocknete. Das spiegelt sich in der Übertragung der am Sarasvati basierten vedischen Literatur auf die am Ganges ansässigen Puranas wider.14
Feststeht, daß Blavatsky’s Schriften obskuren Anhängern aller Arten einen Schatz an Mythen und Symbolen lieferten, die zu weitläufigen Spekulationen über rassische Unterschiede und den Zweck der Evolution führten. Hingegen stimmte Annie Besant’s Interpretation der Rassentheorie mehr mit den Theorien von Matthew Arnold und Ernest Renan überein. Wie Arnold dachte auch Besant, daß eine kulturelle Belebung nur durch eine Invasion von außen her erfolgen könne. In diesem Sinn unterstützte Besant die weit verbreitete imperialistische Idee, Hindu Indien besitze eine untergegangene goldene arische Vergangenheit, die es mit Hilfe des Britischen Kolonialismus wiederzufinden galt. Mit Marx und vielen anderen teilte sie die Ansicht, daß der Imperialismus zwar kurzfristig betrachtet falsch, aber langfristig gesehen eine gute Sache sei. Eine wesentliche Rolle bei der Vermischung von imperialen und nationalistischen Bezügen spielten wissenschaftlichen Argumente, die Idee der "arischen Rasse", wie sie durch die Theosophie und den frühen Max Mueller, der dafür linguistische Argumente anführte, verstanden wurde. Sie ließ sich für eine Anzahl verschiedener Zwecke nutzten: der semitischen Rasse eine arische Rasse gegenüberzustellen; die Einheit zwischen den klonialisierten Indern und den kolonialisierenden Briten aufzuzeigen; einer arischen Meisterrasse in Indien eine eingeborene Sklavenrasse gegenüberzustellen usw. Das ist ein Erbe, das wie ich persönlich beobachten konnte, noch in der gegenwärtigen Politik Indiens eine Rolle spielt.
Beispielsweise anerkannten Marx und seine Anhänger in Indien die historische Mission der Kolonialisten, die "asiatische Art der Produktion" abzuschaffen. Sie behaupteten, die koloniale Herrschaft sei nur (zu deren offensichtlichem Vorteil) mit der Erinnerung an die türkische Gefahr oder durch die Bedrohung einer Zaristischen Regierung vergleichbar, aber nicht mit einer Regierung durch die Eingeborenen, für die Indien, weil es niemals eine Nation gewesen sei, historisch nicht bereit war. 1853 schrieb Marx in einem Brief, "die indische Geschichte besitzt keinerlei Geschichte, zumindest keine bekannte Geschichte. Was wir seine Geschichte nennen, ist nichts anderes als die Geschichte ihrer sich ablösenden Eroberer, die ihre Reiche auf der Basis dieser wehrlosen und nicht zur Veränderung bereiten Gesellschaft errichteten."15
Ein anderes Beispiel: der Herausgeber der vierzehntägig in Bengalen erscheinenden "Dalit Voice", V.T. Rajshekar, ein früherer Journalist beim Indischen Express, den man wegen seiner Verbindung zum Terrorismus in Khalistan feuerte, formulierte die indische Variante einer auf Afrikazentralismus bezogenen Geschichte, die er von schwarzen Muslemen in den USA übernahm. Dabei handelt es sich um einen Zweig der weit verbreiteten Dalit-Bewegung; Dalit bedeutet "unterdrückt", Ex-Unberührbar. Vor den Karren des Dalit Afrozentralismus wurde die erstmals von Abraham Ortelius im 16. Jahrhundert vorgeschlagene und wissenschaftlich von Alfred Wegener 1915 formulierte Theorie von der Kontinentaldrift gespannt: "Die Dalits waren die ursprünglichen Einwohner von Indien, deren physischen Züge denen des Afrikaners gleichen. Es heißt, daß Indien und Afrika, bevor sie durch den Ozean getrennt wurden, eine Landmasse bildeten. Demnach besaßen sowohl die Afrikaner als auch die indischen Unberührbaren gemeinsame Ahnen." Tatsächlich ereignete sich das Auseinanderbrechen des Urkontinentes Gondwanaland Millionen Jahre bevor sich der Mensch über den Erdball ausbreitete.
Auch
die zu derartigen Theorien in Opposition stehende regierende BJP bediente
sich beim Aufbau des Nationalstaates moderner westlicher Vorstellungen
von Religion, Sprache und Abstammung. Besonders deutlich drückte sich
der daraus hervorgehende Hindu Nationalismus durch den Hindu Mahasabah
(1915-) und die Organisationionen um die Rashtriya Swayamsevak Sangh (1925
aus, inklusive der Bharatiya Jana Sangh (1951-77) und der Bharatiya Janata
Party (BJP, 1980-). Die im Juni 1909 im wöchentlich herausgegebenen "Karmayogin"
erscheinende Rede von Sri Aurobindo Uttarpara begründete den Hindu Nationalismus.
Er war wegen Komplizenschaft bei einer terroristischen Verschwörung inhaftiert
worden. Unmittelbar nach seiner Entlassung verkündete er den Hindu Nationalismus.
Obwohl die gegenwärtigen Anhänger von Aurobindi es abstreiten, zeigt
Peter Heehs in "Aurobindo Ghose and Revolutionary Terrorism, South Asia,
1992/2 (pp.67-8) anhand von Aurobindo’s veröffentlichten Schriften und
Tagebüchern eine graduelle Entwicklung auf, die von der Sympathie bis
zur tatsächlichen Teilnahme am bewaffneten Widerstand reicht. Das bedeutendste
Beispiel für den Einfluß des Westens (inklusive der Theosophie) auf Aurobindo’s
Hinduismus-Verständnis spiegelt die Aufnahme der damals neuen Vorstellung
vom Wesen der Evolution in seine Yoga-Theorie wider. Die gleiche Annahme
von einer kollektiven Evolution mit dem Ziel spirituellen Erwachens ist
in Mharishi Mahesh Yogi’s Programm enthalten, das seit 1992 von einer
weltweit agierenden politischen Partei, der "Natural Law Party" propagiert
wird. Soziale und politische Verbessererungen werden den "guten Schwingungen"
zugeschrieben, die von Tausenden, gemeinsam praktizierenden Yogi ausgehen.
Anmerkungen und Quellennachweis
8 Gauri, Vuswanathan, Masks of conquest: Literary study and British rule in India,
New York, Columbia University Press, 1989
9 The Sectret Doctrine, Vol.2,S.768
10 Neuere Theorien siedeln den ursprung des Sanskrit ohne "arische Invasionen"
im Südwesten Asiens an.
11 E.Leach in E. Ohnuki-Tierney, Ed.; Culture through Time, Anthropological Approaches, Stanford 1990, pp.242-243, zit. v. Dilip K. Chakrabarti in seiner Rezension von Asko Parpola: Deciphering the Indus Script, Cambridge University Press 1994, im Journal der Royal Asiatic Society, November 1995, pp. 428-30. Leach war einer der Ersten, die erkannten, daß das vom gr. oryza herstammende Tamilen-Wort für Reis ursprünglich vom Sanskrit-Wort vrihi abstammt und nicht umgekehrt. Die Ethnologie des Wortes vrihi galt als beispielhaftes Muster für die Dravidianische Substrattheorie.
12 Vgl. dazu moderne Literatur zum arischen Mythis, z.B. "Imaging India", Ronald Inden, 1990, oder "The langugage of paradise: Race, religion and philology in the ninteenth century", Maurice Olender, 1992
13 Dostoyevsky, F.M., The Diary of a Writer (New York, 1949), Übs. Boris
Brasol, pp.1051-52
14 Aierer und Nichtarier in Südwestasien: Evidence, Interpretation and History, Hsg. J. Bronkhorst u. M. Deshpande, University of Michigan Press 1998. Diese Arbeit setzt die ursprüngliche Entwicklung der Zivilisation in Indien vor zumindest 6000 v.d.Z. an (Mehrgarh). Sie zeigt Übereinstimmungen zwischen der großen Ackerbaukultur der Harappa (oder Industal) Zivilisation (2600-1900 v.d.Z.), die um den durch die Veden berühmten Sarasvati Fluß siedelte, mit der Vedischen Literatur auf. Demnach endete die Harappan-Kultur nicht aufgrund einer Invasion von außen her, sondern durch Umweltveränderungen, vor allem der Austrocknung des Sarasvati. Die Völkerwanderung vom Sarasvati zum Ganges, nachdem der Sarasvati austrocknete (ca. 1900-1300 v.d.Z.) spiegelt sich in der Literatur wider. Deshalb wird eine kontinuierliche Entwicklung der indischen Kultur vorgeschlagen, wie sie sowohl die archäologische Evidenz, als auch die indische Literatur aufzeigt. Zusätzlich dazu deuten neueste Genforschungen darauf hin, daß ein Schlüsselgen in der DNA des westeurasischen Bevölkerungszweiges bei höchstens 5,2 % der indischen Bevölkerung nachweisbar ist, im Gegensatz zu 70 % in Europa. Das schließt einen derart späten Ursprung wie in der Arischen Invasionstheorie apostoliert, aus. (British journal Current Biology, T.R.Disotell, T.Kivisild, 1999).
15
Biswas,S.K., Autochthon of India and the Aryan Invasions, Genuine Publ.,
Dehli 1995, S. 10