9. Der Singh Sabha nach Thakar Singhs Tod

Während der Maharajahi in Moskau vor sich hinschmollte und General Bogdanovich, in dessen Büro Dalip Singh‘s Einreise nach Rußland genehmigt worden war, fälschlicherweise als Autor des Pamphlets "L’Alliance Franco-Russe" galt, reiste dessen wahrer Verfasser, Nicholas A. Notovich, auffallend unbehindert durch Dalip’s verlorenes Reich. Im August 1887 gab der Sekretär des Vizekönigs, Sir Donald Mackenzie Wallace, dem Korrespondenten der Novoye Vremya in Simla ein Interview. Sein Besucher wollte ihn alleine und auf Russisch sprechen. Wallace stimmte widerwillig zu, als Notovich "plötzlich eine Andeutung darüber machte, daß er dem Indischen Büro vertrauliches Material aus Zentralasien und aus dem Außenministerium in St. Petersburg zur Verfügung stellen könne." Übermittelt werden sollte dieses Material durch Prinz Dolgorouki. 60 Dieser Prinz hatte an die Grenzstation telegrafiert, um Dalip Singh die Einreise nach Rußland zu erlauben.

Für wen Notovich wirklich arbeitete, ist nicht leicht festzustellen, aber Geheimberichte deuten darauf hin, daß ihn die französische Botschaft unterstützte. In seiner Polizeizelle in Kalkutta gestand Arur Singh: "Er sollte einen russischen Offizier umdrehen, um die erhaltene Information zu verifizieren, die den russischen Behörden von Dalip Singh bezüglich der vorteilhaften Verwendung der Fürsten in Indien gegeben worden war." Auf seiner Reise in den Osten tauchte Notovich in Konstantinopel auf, wo der britische Botschafter, Sir William White, "geneigt war ihn zu sehen". Am 27. Juni 1887 berichtete White Lord Salisbury: "Ein Russe, dessen Name Nicholas Notovich lautet, rief in der Botschaft an....Ich hatte gehört, daß eine Person dieses Namens nach Bombay aufgebrochen war und es besteht eine starke Vermutung, daß Notovich ein russischer Agent ist, der nach Indien gesandt wurde."61 Während seines Aufenthalts im Punjab besuchte Notovich das Grab von König Ranjit Singh und er erklärte in einem Interview für die Akhbar-i-am Zeitung, daß alle Eingeborenen, die er seit seiner Ankunft in Indien getroffen habe, Nachforschungen über Dalip Singh anstellten, und daß er in seiner Ansicht bestätigt worden sei, daß die Eingeborenen den Maharajah mit großer Achtung und Sympathie betrachteten.62

Zu dieser Zeit schrieb Dalip aus Moskau an Tevis, von dessen Spionagetätigkeit für die Briten er nichts ahnte: "Ich habe Rußland dreieinhalb Millionen als Tribut angeboten: Sie sollten jetzt versuchen bei Nizam, Baroda, Holkar und K(aschmir) in Erfahrung zu bringen, ob sie sich an der Zahlung dieser Summe beteiligen wollen, um auf diese Weise die Engländer aus Indien wegzubringen. Aber soviel ich weiß, sind sie Marionetten in den Händen der Engländer und ich habe von ihnen nicht viel zu erwarten."

Am 30. Mai hatte Katkov vergeblich um das kaiserliche Pardon gefleht, am 13. Juni 1887 wurde in Berlin der Rückversicherungsvertrag mit Rußland unterzeichnet. Katkov starb Mitte Semptember, wenige Wochen nach dem Tod Thakar Singhs. Am 18. August 1887 starb Thakar Singh. Sein Todeszeitpunkt war den Briten auf die Minute genau bekannt: 20 Uhr 25. Es gab keine Autopsie und sein Leichnam wurde am Morgen nach seinem Tod kremiert.63 "Einer meiner Agenten befand sich zu dieser Zeit in Pondicherry", kann man dem Bericht Mortimer Durand‘s entnehmen: "Die Nachricht von seinem Tod kam letzte Nacht von einem Mann, den ich geschickt habe."64 Drei Wochen nach Thakar Singh‘s Tod jagte Inspektor McCracken in Lahore den Gesandten im Punjab, nach dem der Agent in Pondicherry laut dem Kabelbericht Durand‘s "Ausschau gehalten" hatte. Am 9. September meldete der Inspektor nach Simla, dem Hauptsitz der indienweiten Operation gegen die Dalip Singh Revolte. "Ich habe Schritte unternommen, um Sohan Lal aufzuspüren. Wenn die Regierung will, daß seine Sache oder irgendeine andere genau geprüft wird, bitte ich um Befehle. Die Angelegenheit kann leicht erledigt werden, aber ich scheue etwas davor zurück, ohne Befehle in dieser Art vorzugehen."65

Nicht lange, bevor Dalip Singh im März 1888 Rußland wieder in Richtung Paris verließ, vermerkte der Agent L.M. in einem Memorandum für den Generalkonsul in Ägypten: "Abdul Rasu, die rechte Hand Dalip Singhs, der im letzten November gegen die britische Herrschaft mit den Feniern in Paris konspirierte, war vom russischen Militär durch Dalip nach Moskau beordert worden. "Die Köpfe dieser Partei in Rußland sind gegenwärtig General Ignatiev, Graf Tolstoi und Leberzev(?)". Letzterer, das Fragezeichen steht im Original, scheint eine falsche Transskription von Podedonostsev zu sein, dem spirituellen Berater des Zaren. Er sollte die Sudanesen bei der Blockade des Suezkanals instruieren."66 "L.M", "Lamberts Man", alias Abdul Azzi-u-Din, alias Ali Muhammed. ist jener Spion der Briten, der im Verdacht steht, Thakar Singh ermordet zu haben. Der Inspektor von Scotland Yard erhielt keinen Befehl zur Untersuchung seiner oder "irgendeiner anderen Sache".

Nachdem Colonel Henderson Verhaftungen vorgenommen und eine Reihe von Leuten befragt hatte, berichtete er aus Lahore: "Die Intrige stirbt aus. Die Verhaftungen, die wir durchgeführt haben, haben einen allgemeinen Schrecken hervorgerufen.67 Aber Dalip Singh gab auch nach dem plötzlichen Tod von Thakar und Ranbir Sing nicht auf. 1888 versuchte er ihre Söhne zu gewinnen. Nach einem Bericht von Baba Khem Singh, der seit langem die TG unterstützte und Verbindung zu "Meister K.H." besaß, wurde Dalip von Kaschmir unterstützt, das ihm 100.000 "gut bewaffnete und organisierte" Männer mit 45.000 Mann aus regulären Sikh-Truppen in Kaschmir bei Wadi Pichin an der Nordwestgrenze anbot.68 Aber die Mehrheit der nun von Gurmukh Singh geführten Singh-Sabha-Mitglieder wandte sich gegen die Begründer und lehnte Dalip und dessen Unterstützer ab. Alle, mit Ausnahme von drei Zweig-Sabhas, einschließlich Bannerjea’s, des Führers der "Indischen Assoziation", unterstützten Gurmukh Singhs Politik.

Zurück in Paris unternahm Dalip Singh noch einen weiteren Versuch, um der Prophezeiung seiner historischen Rolle gerecht zu werden. Jetzt war er nicht mehr nur hinter dem Punjab her, sondern hinter ganz Indien. Die "Liga der indischen Patrioten", ein Nachklang der Boulangistischen "Liga der Patrioten" und der theosophischen "Arischen Liga der Ehre" wurde begründet und veröffentlichte ihr Manifest:

Artikel l: Unser Ziel ist die Einheit der Aktion gegen den gemeinsamen Feind, die ihre Anhänger in jeder Stadt und jedem Dorf in Indien haben wird.

Artikel 2: Aus Gründen der Vorsicht befindet sich das Hauptquartier der Liga gegenwärtig in Paris. Es kann von Zeit zu Zeit an andere Orte verlegt werden, soweit die Umstände dies verlangen, was bekannt gemacht wird.

Am 7. September 1888 erschien im "Journal des Debat" ein dramatischer Titel: "Aufstand der Bevölkerung Nordost-Indiens gegen die britische Herrschaft zugunsten der russischen Invasion. Schwerwiegende Ereignisse stehen in Zentralasien bevor." Reuter griff die Geschichte auf und zwei Tage später tauchte sie auch in amerikanischen Zeitungen auf. Am 7. Oktober übergab Lord Cross dem Vizekönig geheimdienstliche Informationen, die aus dem Lager Dalip‘s in Paris stammten: "Geheim und vertraulich. Abdul Rasul, Dalip Singhs Agent, von ihm mit 100 Pfund ausgestattet, hat die Absicht am 26. September Paris Richtung Ägypten zu verlassen, um nach Indien zu gehen. Er hat Brief von Dalip Singh für Zobair Pasha in Kairo sowie für den Maharajah von Kaschmir."69 Aus Indien schrieb Gurbachan Singh im Jänner 1890: "Vom National-Kongreß werden Resultate von großer Bedeutung erwartet, vor denen die Briten große Angst haben. Sondergesandte reisen von einem Ende Indiens zum anderen, klären die Menschen über ihre Rechte auf und säen den Samen der Unzufriedenheit.""70 Daß die Korrespondenz, die mit Dalip gewechselt wurde, vollkommen nutzlos war, gestand Gurdit Singh: "Die Brüder" (Thakar Singh’s Söhne) "schrieben Unsinn, in der Hoffnung Geld zu bekommen, der Maharajah, dem diese Botschaften Auftrieb gaben, machte sich Hoffnungen, Indien zu erobern." Er erwähnt auch einen "Irischen Major", der verschlug, Indien zu besuchen, um die irischen Truppen zu übernehmen. Natürlich existierte dieser Major gar nicht. Er war kein anderer als der britische Spion Tevis.71 Dalip Singh‘s letzte Hoffnung wird in Bombay durch die Verhaftung seines Agenten Abdul Rasul zunichte gemacht, dessen Mission es war, Kaschmir in einen Aufruhr zu stürzen. Mit einem Brief des Maharajah, den er am 27. Juni 1890 an die englische Königin schreibt, endet der letzte Akt der Dalip Singh Verschwörung: "Ich schreibe, um mein großes Bedauern über mein vergangenes Verhalten gegenüber Ihrer Majestät der Kaiserin von Indien auszudrücken. Ich bitte Ihre Majestät untertänigst um Vergebung und ich vertraue vollkommen auf die Barmherzigkeit der Königin. Sollte mir Ihre Majestät Verzeihung gewähren, verspreche ich für die Zukunft Gehorsam gegenüber ihren Wünschen."72

Zu erwähnen ist noch, daß Dalip’s Tochter, Prinzessin Catherine Dalip Singh, 1914/15 den Versuch ihres Vaters wiederholte, diesmal mit dem deutschen Kaiser als Verbündeten. Das deutsche Außenministerien beauftragte im September 1914 Max von Oppenheim auf dem Umweg über die Schweiz in Indien eine Revolution zu entfachen. (Am 1. August hatte Deutschland, gedrängt von Österreich, Rußland den Krieg erklärt, am 3. August Frankreich, und am 4. August England – der 1. Weltkrieg hatte begonnen). 1915 reist ein Komitee von Exilanten von Zürich nach Berlin, um eine "Indische Nationale Legion" aus Kriegsgefangenen zu begründen, deren erstes Ziel der Punjab war. Es war der Plan des Maharajah von 1889, gekleidet in Feldgrau. In British Columbien und Kalifornien hatte sich parallel zum irischen Clan-na-Gael eine stark antibritische Militanz in der Sikhdiaspoa gebildet, deren Motor die Ghadr- (Aufstands)-Bewegung in San Francisco war. Ihre Zeitungsschlagzeile "Feind der Britischen Regierung" ist ein Echo Dalip‘s. In Erwartung der bevorstehenden Revolution kehrten bei Kriegsausbruch Tausende Sikhs in den Punjab zurück. Am 21. Februar 1915 kam es zum Aufstand, er wurde niedergeschlagen und dreißig Rebellen gehängt. 1997 teilten die Schweizer Behörden mit, das nicht beanspruchte Bankkonto der Fürstin Catherine Dalip Singh enthalte 1.031.883,30 Schweizer Franken. Im Sommer 2000 gaben sie die Anerkennung der Thakar Singh Sandhanwalias unter den Beanspruchern des Kontos bekannt. Diese Anerkennung bereitet den Weg, um den Kronjuwel des Punjab, den berühmten Koh i-Noor zurückzufordern, der dem 13jährigen Dalip Singh in England abgenommen worden war.

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Nachdem der Punjab verloren war, machte sich unter den Mitgliedern der "Arischen Liga der Ehre" zunehmend Unzufriedenheit breit. Auch wenn zwischen der TG und der Mehrheitsfraktion der Singh Sabha noch für viele Jahre "herzliche Beziehungen" bestanden, zwischen der Loge von K.H. und der TG herrschte schon seit 1886 nicht mehr dieselbe harmonische Beziehung wie während des ersten Teils des Jahrzehnts, als sie im Geheimen miteinander verbunden waren.73 Einen Grund dafür beschreibt Moncure Conway, der 1884 den Herausgeber des Indian Mirror, ein Mitglied der Arischen Liga in Adyar traf. "Herr Sen", berichtete dieser, "ein Verwandter des Brahmo Führers Kshub Chunder Sen beklagte sich über mich und andere, die nur an "Zeichen und Wundern" interessiert seien, die die Theosophie davor bewahren könnten, in der großen reformierten Religion Indiens aufzugehen.74 Als im selben Jahr G. Hodgson, Mitglied der an der Unviersität von Cambridge neu gegründeten Gesellschaft "Society for Psychical Research" in Adyar eintraf, um HPB’s "okulte Phänomene" im Hauptsitz der Adyar zu untersuchen, hatte die TG jegliche subversive Tätigkeit beendet. Die Erklärung dafür liegt wohl im Bruch der Allianz zwischen der TG, dem Singh Sabha, Thakar und Ranbir Singh, sowie dem Arya Samaj. Was blieb war das aus der Mazzinischen "Indischen Assoziation" hervorgegangene "Zentrum einer allindischen Bewegung", von der 17 Mitglieder an der Gründung der Indischen Nationalen Vereinigung beteiligt waren, dem späteren Indischen Nationalkongreß. Bei dessen Entwicklung, insbesondere als es darum ging, die Unterstützung des Vizekönigs zu erreichen, spielte A.O.Hume eine bedeutende Rolle. Olcott, nach Dr. Motwani der eigentliche "Vater des Indischen Nationalkongresses"", blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1897 in enger Verbindung mit Gurmukh Singh, dem Führer des Singh Sabha nach Thakar.

Thakar Sing’s und Dalip Singh’s Organisation war die erste nationalistische Gruppierung in Indien, die versuchte, eine panindische Bewegung zu begründen, um die verschiedenen Interessen des fürstlichen und nichtfürstlichen Indien, von Sikhs, Moslemen und Hindu miteinander in Einklang zu bringen. Ihr Versuch der Begründung einer Allianz zeugt vom Bewußtsein der Notwendigkeit, sich international zu organsieren. Was die Rolle der "Meisterbriefe" Blavatsky‘s anbelangt, schrieb der Theosoph Dr. Franz Hartmann in "Some Fragments of The Secret History of The Theosophical Society": "Es scheint bei den Anhängern von Madame Blavatsky einen generellen Wunsch zu geben, viele dieser sogenannten okkulten Lehrbriefe als mehr zu betrachten, als sie wirklich sind, nämlich auf den physischen Plan ausgedehnte poetische Fiktionen, um spirituelle Wahrheiten für die Unwissenden testbar zu machen und um Gebrauch von der Gutgläubigkeit und dem Aberglauben der Wunderliebenden zu machen, um sie etwas Nützliches und Gutes zu lehren."75 Aber jene Art von spiritistischen Erscheinungen, die später Morya und K.H. zugeschrieben wurden, spielten bereits im Zusammenhang mit Hurrychund Chintamon eine Rolle. HPB bezeichnete ihn als "Erzeuger", aber Chintamon "entpuppte sich als Dieb. Später erzählte er C. Massey, er sei nie Schüler (chela) gewesen und hätte nie irgendwelche okkulten Kräfte besessen. l879, auf ihrem Weg nach Indien, hatte Blavatsky in Gegenwart von Massey eine chinesische Dose hervorgerufen und diesem Wunder die Krone aufgesetzt, als sie ein kleines indisches Visitenkartentäschchen präzipierte, das in der Tasche seines Oberkleides erschien. In ihm lag als Beweis für den Ursprung des Phänomens ein Stück Papier mit der Unterschrift Chintamons."76 Wesentlich mehr Aufmerksamkeit als derlei "Okkultismus" verdienen das historische Umfeld und die Erscheinungen, die HPB ganz allgemein als Grundlage für ihre "poetischen Fiktionen" benutzte. Insbesondere die "K.H./Morya-Sagas" offenbaren die faszinierende Episode einer weithin unerforschten Ära in der Geschichte des kolonialen Indien, die in engster Beziehung zu wichtigen Ereignissen anderswo stand.

Hinsichtlich Blavatsky als Person ist sehr wenig über ihre inneren Motive, ihre wirklichen Ziele geschrieben worden, und weshalb sie diese verschiedenen Fiktionen schuf. Ein bemerkenswerter Aspekt ist, daß in all ihren Geschichten von Meistern und Mahatmas, deren Sprachrohr sie angeblich war, nur Männer vorkommen. Feststeht, daß sie im Zusammenhang mit den indischen Unabhängigkeitsbewegungen die okkulte Tradition insoferne veränderte, als sie Indien anstelle Ägypten zur Quelle des alten Weisheitstums erhob. Die Theosophie wurde dadurch zu einem religiösen und sozialen Diskurs, der die Überlegenheit der eingeborenen indischen Religion in einer Art bekräftigte, die nationalistische Gefühle inspirierte. In seinem Buch "The emergence of Hindu Nationalism in India" (Oxford University Press 2000) beschreibt John Davies, wie verschiedene religiöse Reformbewegungen, die TG eingeschlossen versuchten, die Hindus zu mobilisieren, indem sie partikuläre Ideen darüber präsentierten, was es bedeutete, ein Hindu zu sein. In diesen Bewegungen wurde der Hindu-Nationalismus zuerst artikuliert.

1916 schloß sich die einstige enge Mitarbeiterin HPB’s, Annie Besant, mit dem von Mazzini inspirierten Tilak und seinen Anhängern zusammen, trennte sich vom moderaten Indischen Nationalkongress und begann die All-Indische Selbstverwaltungs-Liga (All-India Home Rule Leage) zu formieren, die den Weg zu Indiens Unabhängigkeit bahnte. Nicht unerwähnt bleiben sollte in diesem Zusammenhang auch die 1883 gegründete Fabian Society, der neben etwa Shaw auch Anni Besant angehörte. Ihr Motto lautete: "Den richtigen Moment mußt du abwarten...aber wenn die Zeit kommt, mußt du kräftig zuschlagen...oder Dein Warten wird ganz vergeblich gewesen sein." Was sie erwarteten war der Sozialismus, unter dem sie ganz allgemein "einen Plan" verstanden, "allen gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten zu sichern". Ihre "Fabian Tracts, Essays, News" waren über die ganze Welt verbreitet. Von 1907 bis zu ihrem Tod war Besant Präsendet der Adyar-TAG. Im Unterschied zu Blavatsky fühlte sie sich allerdings mehr zum Brahmanismus hingezogen. "Viele von uns", sagte sie in ihrem Buch "Der Mensch und sein Körper" (Leipzig, 1896), "sind keine Christen". Sie waren keine Nihilisten, sondern Gottsucher in einer Zeit, in der Gott für tot erklärt worden war (Nietzsche, "Also sprach Zarathustra). Das ist eine der möglichen Erklärungen für die rasche Ausbreitung der Adyar-TG, die nur ein äußerer Mantel für eine ganze Reihe anderer Organisationen unter "harmlosen Namen" war. Dazu gehörten u.a. die Liberal-Katholische Kirche (LKK), der Theosophische Dienstorden (TOS), der Bharata Samaj Puja (ein Hindu-Kult), der Round Table für Jugendliche, der Golden Chain Orden (ebenfalls für Jugendliche), der Lotos Circle (für Kinder), der Asoka Chakra ( einepolitische Partei in Indien), Sommerschule, Arbeiterwochen und Zeltlager der Internationalen Korrespondenzliga, der Ritus der Mystischen Sterne usw.77


II. Die Idee vom Ariertum

Ohne Zweifel übte die "Arische Liga der Ehre", die alle Charakteristiken einer indischen Reformbewegung mit nationalistischem Charakter besaß, einen großen Einfluß auf die frühe TS in Indien aus. Gleichzeitig ist sie symptomatisch für eine Ideologie, auf die das Wort "arisch" hinweist. Obwohl aryan nicht die gleiche Bedeutung haben kann, wie das Nazi-Wort "arisch", stößt man in Blavatskys Geheimlehre und anderen Schriften der TG auf eindeutig rassistische Aspekte.

Am deutlichsten definierte den arischen Mythos von der Ungleichwertigkeit der Rassen ein von Compte Gobineau verfaßter, in Frankreich erschienener Essay (1853-1855), der die arische Rasse als Träger der Zivilisation bezeichnete. Nach Gobineau wird eine Zivilisation nicht durch Verwässerung ihrer Werte aufgrund von Bildungsarbeit und Missionierung bedroht, sondern durch Vermischung des Blutes verschiedener Rassen .

Im Henderson-Brief (I. Teil) wird erstmals die "Arische Liga der Ehre" erwähnt. Im Folgenden gehe ich auf die historischen Umstände im Umfeld dieses Briefes ein. Gleichzeitig werden im Zusammenhang mit dem Kolonialismus einige theosophische Ideen untersucht, die einen eher westlichen als indischen (oder tibetanischen) Einfluß nahelegen. Das setzt die Untersuchung des Sanskritwortes "aryan" und einiger Angaben voraus, die sich auf Rassen und Unterrassen beziehen, wie sie in der Geheimlehre und der Lehre von der "Großen Weißen Bruderschaft" enthalten sind.
 

10. Die "Wissenschaft von den Rassen" als Religionsersatz – Theosophie und Wissenschaft

Colonel Henderson schrieb seinen Brief an Captain Barnard 1887, nachdem er Olcott, Blavatsky und einige Theosophen an die 8 Jahre lang beobachtet hatte. In diesem Brief bezeichnete er die "Aryan League of Honour" als eine innere Gruppierung innerhalb der frühen TS, in die nur einige wenige Auserwählte aufgenommen wurden. Der Zweck dieses Geheimbundes, dessen Hauptquartier in Madras angegeben ist, soll darin bestanden haben, Informationen nach Russland weiter zu leiten. Der erste Hinweis auf nur chelas zugängliche drei "Superior Sections" innerhalb der TG, ist in einem Artikel in "The Theosophist" vom März 1880 enthalten, der sich auf den "Türkischen Effendi" bezog. Im Juni 1882 gab Olcott bekannt, die Theosophie strebe die Vereinigung aller Mitgliedsgesellschaften in ganz Indien an, deren Mitglieder die Notwendigkeit strengster Disziplin und vollständigen Gehorsams gegenüber ihren Führern anerkennen.1 Zu dieser Zeit wurde in Indien die "Arische Liga der Ehre" und möglicherweise weitere, ihr angeschlossene Gruppierungen begründet. Nachdem Blavatsky Indien verlassen hatte, gründete Olcott die traditionalistische Bharata Dharma Mahamandal, die sich zur Vishna Hindu Parisha (VHP, dem Weltkonzil der Hindu) weiter entwickelte. Sie war mit der Rastriya von Swayamsevak Sangh verbunden (RSS, "National Voluntter Corps), die Guru Golwalkar unterstand, der in den Mord an Ghandi involviert war.

Henderson gab mit Bezug auf das Jahr 1883/84 an, ein Mitglied der Geheimgesellschaft sei als Informationsträger nach England gesandt worden, Mohini Mohun Chatterji, der eine Zeitlang in einem Anwaltsbüro in Kalkutta gearbeitet habe. Dieser Mohini Mohun bzieht sich in einem Brief vom Dezember 1882 im Zusammenhang mit seiner Propaganda theosophisichen Denkens auf " die Rasse" in einer Art, wie sie nicht einer orientalischem, sondern eher einer vom Westen importierten Denkart entspricht. Er schreibt: "Ich habe alle meine weltlichen Errungenschaften geopfert, um die esoterische Philosophie meiner Rasse in Zusammenhang mit der Gesellschaft (TS) zu propagieren." Der den Bezeichnungen arisch oder brahmanisch hinzugefügte Terminus "Rasse" kann sich nicht auf die Bedeutung des Sanskritwortes "heilig" beziehen, wie das im Index einer neu aufgelegten Version der Geheimlehre angegeben ist. Der französische Okkultismus des 19. Jahrhunderts enthielt Theorien über die verschiedenen Farben der Rassen in Beziehung zu planetarischen Einflüssen und diese Theorien übten einen großen Eifluß auf Blavatsky aus, deren Geheimlehre vorwiegend die Basis für den Aufstieg der Esoterik während des 20. Jahrhunderts bidlete.2

Die "Wissenschaft von den Rassen" ersetzte die Religion und dieser Religionsersatz fand in Indien statt, wo der Theosophie angesichts der zunehmenden Bedeutung religiöser Bewegungen eine wesentliche Rolle bei der öffentlichen Meinungsbildung zukam. Diese Bewegungen waren die Grundlage, um die Art der Verbindung zwischen der Weltlichkeit des Staates und der Natur des religiösen Glaubens verstehen zu können. Der britischen Nation diente der Religionsersatz zur Rechtfertigung ihrer imperialistischen Herrschaft, und das gleiche kann für den Fall angenommen werden, daß es zu einem Einfluß Rußlands in Indien gekommen wäre, wie es das Ziel der Dalip Singh Verschwörung war. Mitten in der Pendjeh Krise, erbat Dalip Erlaubnis, nach Indien zu segeln, um die Sache Britanniens zu unterstützen, aber der Geheimdienst, vor allem Captain Henderson, durchschaute das Angebot. Seine Geheimkabel an Sir Henry Mortimer Durand schildern das geplante Komplott im Detail. Kombiniert man dieses Faktum mit der Tatsache, daß Henderson’s Schlüsse das Ergebnis einer internationalen Zusammenarbeit waren - "diesbezügliche Informationen stammen aus so vielen verschiedenen Quellen, daß es schwierig ist, sie zu ignorieren", und daß der Captain vom häufigen Zusammentreffen Mohini Mohun‘s mit Dalip Singh in England wußte, ist Henderson‘s Bericht über die Theosophische Liga der Ehre im Zusammenhang mit dem Versuch indischer Religionsreformer, sich von der Herrschaft der Briten zu befreien ernst zu nehmen. Daß es ihm gelang, die Dalip Singh Verschwörung zu vereiteln, ohne daß es zu einem Ausbruch von Gewalt kam, bezeugt seine Fähigkeiten als Ermittler.3

Zwar hatten Olcott’s und Blavatsky’s Experimente mit Spiritualität und Okkultismus wenig mit dem Hinduismus zu tun, aber HPB’s brillanter Zug bestand darin, Spiritualismus und Okkultismus mit Spiritualität zu verbinden. Gemäß ihrer Theosophie lag der Ursprung sowohl der Meister als auch der spirituellen Lehre "im Osten", und weil es nicht möglich war, nach Tibet zu gehen (zumindest zwei derartige Versuche Blavatsky’s scheiterten), mußten das kolonialisierte Indien und Sri Lanka einspringen. Swami Dayananda Sarasvati, der Gründer des Arya Sama, konnte mit Blavatsky‘s "Meistern" nicht viel anfangen. Mit Sicherheit waren sie kein Bestandteil der Vedischen Religion, die er in Indien verbreiten wollte. Sowohl für die Theosophen als auch für die Hindu war die Frage der religiösen Authenzität von entscheidender Bedeutung. Zwar mußten sich die Theosophen ständig gegen den Vorwurf einer Verfälschung der Religion wehren, aber viele Hindus akzeptierten auch nicht Dayananda als Vertreter der authentischen Religion. Seine Opponenten sah man generall als Verteidiger des Kastensystems an. Diese Opposition formierte sich 1887 durch Bharat Dharma Mahamandal, dem Vorläufer der gegenwärtigen Viswa Hindu Parishad im 19. Jahrhundert. Einer der Mitbegründer war Colonel Olcott.

In einer aus dem Jahr 1879 stammenden Notiz von Reginal Copleston, dem Bischof von Colombo, wird erwähnt, daß der Sekretär einer "obskuren Gesellschaft" mit Mönchen, "einer Bruderschaft auf dem Siegeszug des Intellektes" korrespondiere und sie für deren Mut beim Kampf gegen den Antimissionarismus und die Herausforderungen durch den Antichristus preise.4 Die "obskure Gesellschaft" war die TS und der Sekretär Colonel Olcott. Gemeinsam mit Madame Blavatsky traf er im Mai 1880 in Sri Lanka ein, wo er von Buddhistischen Mönchen enthusiastisch empfangen wurde. Eine Woche nach ihrer Ankunft wurden beide in einer Zeremonie Buddhisten, aber sie blieben weiterhin Theosophen.

Andererseits schuf in Kalkutta Vivekananda für eine moderne Mittelklasse eine mehr auf Vernunft ausgerichtete Variante der religiösen Ideen und Praktiken des Ramakrishna. In dieser Tradition bedeuten Tantrikas das selbe wie Shaktas, also Anbeter von Shakti oder deren Mutter Kali.5 Die Ramakrishna Bewegung gehörte einer Tradition an, die in Bengalen immer stärker verbreitet war und ist als der Brahmanismus. Welche Möglichkeiten Vivekananda’s Predigten auch immer eröffneten, am Versuch, den Glauben und die Praktiken des Ramakrishna in einen Hindu Universalismus zu übersetzen, mußte er scheitern. Die mit heraushängender Zunge und einem Halsband von Totenschädeln über dem Körper Shiva‘s tanzende Göttin Kali stand für alles, was ein viktorianischer Brite im Hinduismus als abstoßend empfinden würde. Derlei ließ sich nicht einfach in eine Brahmanische Religion übertragen, um die Welt der Kolonialisten mit der Welt der Kolonisierten zu verbinden. Vivekananda’s Vedanta war eine auf Logik basierende männliche Form des Hinduismus, vollkommen unähnlich der weiblichen Form ekstatischer Besessenheit Ramakrishna’s. Kali wurde durch die Mutter Indien ersetzt und der Tantrismus durch den Nationalismus. Während Vivekananda 1893 im Weltparlament der Religionen in Chikago den Hinduismus repräsentierte, repräsentierte Anagarika Dharmapala den Buddhismus. Die Rolle, die Vivekananda für die Entwicklung des Hindu Nationalismus ausübte, spielte Dharmapala bei der Entwicklung des buddhistischen Nationalismus in Sri Lanka. Der spätere buddhistische Reformer wurde 1884 von Olcott in die TS initiiert.

"Sie werden wohl kaum annehmen, daß wir, die wir mit derart großen Schwierigkeiten für die Anerkennung unserer Lehre kämpfen, absichtlich Rassen und Unterrassen erfinden, wären diese nicht eine unleugbare Tatsache", schrieben "die Mahatmas" in einem Brief a A.O.Hume. Diese "unleugbare Tatsache" bezieht sich auf das wissenschaftlich begründete Weltbild des Westens, das sich zur Zeit, als Blavatsky ihre Schriften verfaßte, rapide entwickelte. Daß esoterische Ansichten nicht mehr als integrativer Rahmen für die Erklärung der "verborgenen" (wahren) Bedeutung der Welt empfunden werden konnten, wie das beispielsweise der Fall war, als Alchimie und Astrologie anerkannte Wissenschaften waren, stellte für Esoteriker eine große Herausforderung dar. Zunehmend empfand man sie als außerhalb der allgemein anerkannten Normen stehend, und als sich die Hoffnung, ein alternatives esoterisches Weltverständnis zu entwickeln, während des frühen 20. Jahrhunderts in Nichts auflöste, begannen im estoerischen Denken antiwissenschaftliche Tendenzen zu überwiegen.

Blavatsky (und wer immer ihr assistierte) erarbeitete das Konzept eines monistischen Weltblicks mit einer pantheistischen, der Natur verbundenen Gottheit. Nicht unähnlich der früheren gnostischen, hermetischen und kabbalistischen Lehre, interpretiert die Kosmologie in der Geheimlehre die Involution vom Geist zur Materie und die Evolution von der Materie zum Geist, an der die Menschen durch ihre Reinkarnationszyklen teilhaben. Als Konsequenz dieser evolutionären Hierarchie begegnen wir der Rassenlehre von "Wurzelrassen", "Unterrassen" und "Zweig- oder Familienrassen", die in der Geheimlehre, den Büchern von Sinnet und den Mahatma Briefen von der "Großen weißen Bruderschaft" eine bedeutende Rolle spielen. HPB‘s Evolutionsidee von einer linearer Entwicklung von der ersten bis zu einer gegenwärtigen fünften Wurzelrasse, deutet auch frühere "minderwertige" Rassen an, die untergehen müssen, damit sich die überlegene "weiße" Rasse entwickeln kann. Etwa heißt es: "Die Malaien und Papuans stellen eine Mischform dar, die aus der Vermischung mit den niederen....aber die Zeit wird kommen, wenn nur drei große Menschenarten verbleiben (bevor die sechste Wurzelrasse erscheint), die weiße (arische, fünfte Wurzelrasse), die gelbe und die afrikanisch negroide mit deren (atlantisch-europäischen) Mischformen. Rothäute, Eskimos, Papuans, Australier und Polynesier, etc., et.c. – alle sterben aus. Jene, die verstehen, daß jede Wurzelrasse eine Entwicklung von sieben Unterrassen mit sieben Zweigen durchläuft, werden verstehen "weshalb". Die Flutwelle sich inkarnierender Egos hat sie überrollt, um die Erfahrung höher entwickelter und weniger seniler Stämme zu erlauben; ihr Aussterben ist deshalb eine karmische Notwendigkeit. Außergewöhnliche und nicht weiter verifizierbare Statistiken zum Aussterben der Rassen sind in Quatrefages‘ "Human Species" enthalten (p. 428 et sequ.) "Nur eine okkultische Betrachtungsweise kann diese erklären." (Geheimlehre, Teil II, S. 780)

Es liegt auf der Hand, daß jegliche Form von Rassentheorie, schon weil sie fanatischen Motiven entspringt, für den Mißbrauch anfällig ist. Aber Blavatsky’s Theorie forderte geradezu zum rassistischen Zerrbild auf. Ihre makrokosmischen Formulierungen verhängen über die Menschheit, je nach dem Stand ihrer physischen und psycho-spirituellen Entwicklung, einen despotischen Richtspruch. Dieser ideosynkretischen Schablone wurde ein ethnographisches Szenarium übergestülpt, das die Welt in ein Konzept einteilte, nach dem weiße Theosophen die gegenwärtige Evolution steuerten. Die eingeborenen Menschen der Entwicklungsländer (besonders Australiens Aborigines) befanden sich dabei am gegenteiligen Ende des Spektrums. Um ihren evolutionären Rassismus zu begründen, zitierte Blavatsky vehement aus "L’Espece humaine" von Jean-Louis-Armand de Quatrefages und entwickelt ein alternatives Modell zum Darwinismus, das auf der Unfähigkeit der Rassen, sich zu vermischen beruhte. Etwa wird behauptet, die Aborigines Australiens seien aus halb menschlich, halb tierischen Stämmen hervorgegangen. "Darwin stellt einen derartigen Fall bei einem Tasmanischen Stamm fest, dessen Frauen kurz nach Ankunft der europäischen Kolonialisiten massenhaft unfruchtbar wurden. Der große Naturalist versuchte dies durch eine Veränderung der Bedingungen, wie Nahrung, Eßgewohnheiten etc. zu erklären, gab es aber schließlich auf, dieses Rätsel zu lösen. Für den Okkultisten ist die Lösung augenscheinlich."

Die sogenannte "Vermischung" von Europäern mit Tasmanischen Frauen, d.h. den Vertretern einer Rasse, deren Vorfahren "seelenlose" und geistlose Monstren waren, mit wirklichen, aber noch geistlosen Menschen, führte zur Sterilität. Das ist nicht nur die Konsequenz eines physikalisch logischen Gesetzes, auch ein Anzeichen für Karmische Evolution im Hinblick auf das weitere Überleben einer abnormalen Rasse. Die gegenwärtige Wissenschaft ist noch nicht bereit, dies anzuerkennen – aber dazu wird es langfristig kommen müssen. "Esoterische Philosophie, erinnern wir uns daran, füllt nur die Lücken wissenschaftlicher Erkenntnisse und korregiert deren Irrtumer." (Geheimlehre, Teil II, S. 196).

Diese Ansicht bedingt, die Menschheit auf Grund ihrer rassischen Bestimmung oder Nicht-Bestimmung als nicht gleichwertig anzusehen. Das widerspricht jedoch der zentralen These der TG von einer "universellen Bruderschaft". Tatsächlich wurden die Tasmanen willentlich durch Massenmord ausgerottet, als einige Tausend Angehörige der "weißen fünften Wurzelrasse" ihr Land überschwemmten. Nur zweihundert Aborigines überlebten das Massaker. Man verbannte sie auf eine weit von ihrer Heimat entfernte Insel, wo sie tatsächlich ausstarben; Tasmanen gibt es nirgendwo mehr.6 Mit Sicherheit wären diese Menschen, deren "Auslöschung" eine karmische Notwendigkeit gewesen sein soll, nicht ausgestorben, hätte man sie wie die Malaien in Frieden leben lassen.

Wie nachhaltig der Einfluß, den Blavatsky’s Lehren ausübten wirkte, belegt die Verkündigung vom Anbruch eines neuen Zeitalters durch A.Baily/Dwal Khul. Bailey, ein früheres Mitglied der TS, wurde mit Sicherheit durch HPB‘s Ansichten geprägt. Nach Durchgabe ihres "Meisters" begann das neue Zeitalter an dem Tag, als auf Nagasaki eine Atombombe abgeworfen wurde. Zwischen der Freisetzung kosmischer Energie und dem die Menschheit initiierenden Licht wird ein Zusammenhang hergestellt, aber noch beunruhigender ist die Ansicht, die Japaner, deren zentrales Nervensystem der 4. Wurzelrasse angehört, wären bereit gewesen, ausgelöscht zu werden. Indem die Befreiung ihrer gefangenen Seelen zur Notwendigkeit erklärt wird, läßt sich der Gebrauch der Atombombe, dessen atomarem Feuersturm Tausende Japaner zum Opfer fielen rechtfertigen.7 Und was, ist man versucht zu fragen, geschieht mit all den anderen, deren "Zentrales Nervensystem der 4. Wurzelrasse" angehört, die in den USA selbst und anderswo auf der Welt leben? (Hier liegt wohl auch der Ursprung für den Versuch der Deziminierung und Ausrottung der Schwarzen in den Südstaaten Amerikas durch eine "weiße Bruderschaft", den KKK (Khu Klux Klan).

Die Rechtfertigung, Rassen, wie sie in der Geheimlehre als vorübergehender Bestandteil der Evolution beschrieben sind, dahingehend zu interpretieren, sie stellten Aspekte des sich evolutionierenden Bewußtseins dar, ist irrelevant, bezieht man sich in der Analyse auf Menschen, die unter uns leben. Das sind sehr gefährliche Ansichten: "Minderwertige" Rassen bringen eine mangelnde Intelligenz hervor, die zu Ausschweifung und Zerstörung führen; dunkelhäutige Könige unterliegen hellhäutigeren: die Bestimmung der Teutonischen Rasse ist es, die Welt zu erobern; die nördlichen Inder (vermutlich Arier) sind den südlichen (vermutlich nicht arischischen) Indern (deren Ahnenschaft sie mit den Lemuriern, einer minderwertigen und früheren Rasse verbindet) überlegen etc. Eine dubiose Position nehmen dabei die mit christlichen Anschauungen verbundenen Semiten ein, während Nachfahren der Lemurier, die sich noch nicht mit anderen Rassen vermischten, gegenwärtig als Afrikaner, australische Aborigines und Tasmanen unter uns leben.

Obwohl die esoterische Philosophie der Theosophie in Opposition zum Christentum und der westlichen Wissenschaft stand, drückte sie deren Gedankentum häufig in anderer Form aus. Insbesonders fällt auf, daß jede Zivilisation durch Zerstörung untergeht. Verbunden mit der täuschend wissenschaftlichen Rationalisierung in Blavatky’s Rassentheorie, war der durch Verkündigung erhobene Anspruch auf Einzigartigkeit. Es muß daran erinnert werden, daß die Geheimlehre als Kommentar zum heiligen, mehr oder weniger gut dokumentierten "Book of Dzyan" präsentiert wurde, mit dessen (Atlantischem!) Alter sich gleichzeitig die Idee verband, die durch Blavatsky verkündeten Lehren würden durch eine Brüderschaft perfektionierter Menschen weitergegeben, die über den Verlauf der menschlichen Evolution "seit deren Anfang" wachen.

In der westlichen Welt überschattete der diskriminierende Gesichtspunkt der Rassenlehre den Beitrag der Theosophie zur Überwindung des Kolonialismus. Im Osten, wo die TG zum marginalen sozialen Phänomen wurde, erinnert man sich noch heute an den praktischen Beitrag, den sie bei der politischen Agitation und der Organisation von Bildungseinrichtungen leistete. Das sichert dieser Bewegung jedenfalls einen historischen Rang in der Geschichte vom Kampf Indiens um die Unabhängigkeit. Nur im Osten agierte die Theosophie im Zusammenhang mit gewissen Aspekten einer kolonialisierten Gesellschaft auf subversive Weise. Untersuchungen einer möglichen subversiven Rolle der TG bei anderen durch die Briten (den Westen) kolonialisierte Völkerschaften, beispielsweise in Australien, Neu Seeland, Afrika und Nordamerika, stehen noch aus.
 
 

Anmerkungen und Quellennachweis
 

60 India Office Records: Mss Eur E243/23 (Cross)

61 Public Record Office: FO 78/3998

62 Int.Nat; Lahore 29.10.1987

63 IOR L/P&S/R/1/1/67

64 IOR L/P&S/R/1/1/67

65 IOR L/P&S/R/1/1/67

66 IOR L/P&S/3/288

67 India Office Records: R/1/1/90

68 IOR L/P&S/3/288

69 DS-Secret Correspodence, 7.10.1889

70 DS Secret, 1 Jan. 1889

71 "Confession of Jiwan Singh", DAS Secret Correspondence/587

72 India Record Office: L/P&S/3/303

73 Johnson, K.P., The Masters Revealed, S.50, o.J.

74 Conway, Moncure Daniel, My Pilgrimage to the Wise Men of the East, 1906, Kap.X,pp.195-214

75 Theosophical History Occasional Papers, Vol.VII

76 Deveney, John, Astral Projektion or Liberating of the Double and the Work of the early Theosophical Society, pp.62-63

77 Miers., H.E., Lexikon d. Geheimwissens, a.a.O.

Zusätzlich verwendete Quellen:

Anderson, Sir Robert, The Lighter Side of my Official Life (London, 1910)

Bell, Thomas Evans, The Annexation of the Panjab and the Maharajah Deleep Singh, London 1883

Bertie-Marriot, Clement, Le Maharajah Duleep Singh et l’Angleterre (Paris 1889)

Buckle, George Earle, The Letters of Queen Victoria (3. Aufl.), Vol.I: 1886-1890, London 1930

Burne, Sir Owen Tudor, Memories, London 1907

Cyon, Elie de (Ily Faddeich Tsion), Histoire de l’Entente Franco-Russe. Memoires et Souvenirs, 1886-1894, Paris 1895

Dalbousie, Private Letters of the Marquis of Dalhousie, Ed. J.G.A.Baird, Edinburgh 1910

Davitt, Michael, The Fall od Feudalism in Ireland (New York 1904

Devoy, John, Devoy’s Post Bag 1871-1920, Vol.2, Ed’s William O’Brien und Desmond Ryan, Dublin 1948

Duleep Singh, The Duleep Singh Correspondence, Ed. Ganda Singh, Punjabi University, Patiala 1977

Ganda Singh, Private Correspondence relating to the Anglo-Sikh Wars, Sikh History Society, Amritsar 1955

Le Caron Henri (Pseud.), 25 years in the Secret Service, the Recollections of a Spy, London 1892

Ligin, Lady Lena, Sir John Login and Duleep Singh, London 1890

Lady Login’s Recollektions 1820-1904, Ed. E. Dalhousie Login, o.J.

Probedonststev, Constantin, Memoires politiques, Correspondence etc., Paris 1927
 

Teil 2: Die Idee vom Ariertum u. Anhang 1

1 Hume an den Herausgeber, The Indian Daily News, 23.6.1882

2 1878 war Henderson bereits zum leitenden Superintendenten der 1857 ins

Leben gerufenen Operation zur Unterdrückung der Thugee und Dacoity ernannt

(Judical Department Z/L/P&S/7/6 1880 Judicial 1 – Report 1878). Er erhielt

den Rang eines Generalmajors und ging 1914 in den Ruhestand. 1918 starb er. Als in der Armee dienender Offizier wurde er Attachee des Auswärtigen Amtes, im November 1872 arbeitete er als Sekreät der indischen Kolonialregierung, 1873 wurde er in diesem Amt bestätigt. Daß ein aktiv in der Armee dienender Offizier auch ein politisches und ziviles Amt in der Regeirung erhielt, galt als Vorfall, der "ohne Präzedenz" war (mss EUR D1201/6 No 19 Simla 22.5.1873). Vermutlich benötigte man für die verdeckte Arbeit in dieser Regierungsposition einen Armeeangehörigen, der sowohl "Feldforschung" betreiben konnte, als auch über das organisatorische Geschick verfügte, ein sichtlich beträchtliches Netzwerk von Agenten zu koordinieren. Henderson beherrschte sowohl Hindu, Perisch, als auch arabische Sprachen.

3 Beispielsweise Antoine Fabre d’Olivet, ein frühes Mitglied der Memphis Loge der Ägyptischen Mauerei, der "Histoire philosophique du genre humain" schrieb (eine philosophische Geschichte der menschlichen Rasse), erschienen 1824 in Paris.

4 Oberyesekere, Gananath, Buddhism and Conscience, Daedalus 120, 1991, pp 196-98

5 Kripal, Jeffrey, Kali’s Child, Chicago University Press, 1995

6 Rashidi, Runoko, The Black Presence in Tasmania: A Case of Genocide. The Challenger, 21.2.1996,S. 24./Turnbull, Clive, Tasmania: The Ultimate Solution. Racism: The Australian Experience. A Study of Race Prejudice in Australia, Vol.2, Black Versus White. Herausgegeben durch Frank S. Stevens, New York: Taplinger, 1872: pp 228-34

7 Baily, A., The externalization of the Hierarchy, p. 497
 

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