6. Die Arische Liga der Ehre

Zur selben Zeit, als HPB ihren Brief an Thakersey schrieb und die Frage nach einem Nachfahren von Ranjit Singh stellte, begründete sie einen quasimauerischen Orden, den "Königlichen Orientalischen Orden der Sikha", der vermutlich 1872 aus Indien importiert wurde. Am 25. Jänner 1878 schrieb Kenneth Mackenzie an Francis Irwin, einen Mitbruder im Orden der Sikha: "Ich höre, daß Madame Blavatsky das Haupt des Ordens ist!"40 Das bestätigt ein früherer, mit 2. Jänner 1879 und somit nach HPB’s und Olcotts Abreise nach Indien datierter Brief von Yarker an Blavatsky. In ihm ersucht Yarker um Unterweisung:

"Ich möchte Ihre überarbeiteten Zeremonien übernehmen – ich möchte drei Gegenstände voranbringen –

1. Die Unterscheidung (Censorial) .. (mit sieben unvollständigen Zeremonien, von denen ich Ihnen vier gesandt habe),

2. Vervollkommnung (Perfektion)..(der den Kernpunkt der Vedischen Lehre vermittelt),

3. Für einige Auserwählte die Abteilung der sieben Grade gemäß der Lehre des Ostens. Oder möchten sie zwei Zweige bilden? – 1. Den Unterscheidungsgrad (Censorial) mit sieben Riten, und 2. Die Zeremonie der Vervollkommnung, die als erster östlicher Grad fungieren könnte, Zensor (Censor) als zweiter und Spender (Sponsor) als dritter?

Unter Yama (ein Fehler) verstehen Sie, denke ich Capt. Archer. Er war manchmal Vorsitzender in Manchester und ich machte seine Bekanntschaft durch Prinz Rhodocanakis. Wir schickten dem Maharajah von Burwan ein Mandat mit einem ergänzenden Brief, aber er hat nicht geantwortet."41

Daß eine derartige innere Gruppierung existierte, scheint auch ein Brief HPB’s an Hurrych und Chintamon vom 4. Mai 1878 zu bestätigen, in dem sie, vermutlich C. Massey meinend schreibt: "Ich habe ernsthaft versucht, ihn zu einem Theosophen des inneren Rings zu machen – einem englischen Swamy, aber es ist mir mißlungen."42 In P.Deveneys "Astral Projection or Liberation of the Double and the work of the Early Theosophical Society" (S.54) wird W.Q.Judge mit der Bemerkung zitiert, es habe eine solche innere Gruppierung gegeben, die "im Geheimen über Jahre bestand, in der Blavatsky die alleinige Macht besaß, Mitglieder in den Graden zu befördern." Und in einem Brief an Knight vom September 1884, den O.Hume aus Simla schrieb, bezieht auch er sich, rückblickend auf seine Zeit in der TG (1880-82), auf Blavatsky und "den inneren Zirkel.

Daß HPB "ihre Mahatmas" in Indien mit Freimaurerei in Verbindung brachte, legt einer ihrer Briefe nahe, in dem sie angibt: "Sie sind Mitglieder einer geheimen Brüderschaft, nicht einer bestimmten Schule in Indien ...ihr Ursprung ist von unnennbarem Alter und sie ist in solchem Ausmaß maurerisch, als es die heutige Maurerei nicht ist."43 Dayanand Sarasvati, von Blavatsky und Olcott als Mahatma und Mitglied der Weißen Loge betrachtet, könnte ein Ritual für den Gebrauch in der Londoner und New Yorker TG erstellt haben.44 Jedenfalls änderten die Gründer den Namen der TG in "Theosophische Gesellschaft des Arya Samaj von Aryavart" um, und die TG in New York nannte sich nun "Arische Theosophische Gesellschaft", was der Arischen Liga der Ehre sehr ähnelt. Einen Besuch bei der "Arischen Patriotischen Gesellschaft", wo Olcott und HPB Maharajah Ranbir Singh trafen, erwähnt das Supplement der Zeitschrift "The Theosophist" vom Mai 1883 (S.6): "Seine Hohheit herzliche Zusammenarbeit mit allen patriotischen Kräften versprach, die auf eine Wiedererrichtung des einstigen Glanzes von Aryavart hinarbeiten."

Was die Verbindung mit Thakar Singh betrifft, beschrieb Blavatsky ein Treffen mit dem religiösen Hauptführer bzw. Unterstützer der Singh Sabha, Khem Singh Bedi, und Bikram Singh, Maharjah von Faridkot, dem königlichen Hauptführer bzw. Förderer der Singh Sabha im Durbar in Lahore. In ihm wies sie darauf hin, daß Olcott und sie (1880) in den Durbar gingen, um Ranbir Singh und Bikram Singh zu sehen. Dabei begleitete sie ein Sikh-Edelmann, Ram Ranjit (offensichtlich ein Pseudonym). Außerdem unterhielt Olcott eine enge Beziehung zu Bhai Burmukh Singh, der nach Thakar Singh‘ss Tod zur führenden Figur der Singh Sabha werden sollte. Ein anderer Sabha-Singh-Führer, Dayal Singh Majithias, hieß Olcott und andere 1882 in Lahore willkommen. Er formte jene politische Gruppierung in Lahore, die später zum Indischen Nationalkongreß werden sollte.

Demnach gibt es eine Reihe indirekter Beweise dafür, daß die Begründer der TG zu den Führern der Singh Sabha in Beziehung standen, zu jeder ihrer bedeutenderen Personen außer zu Thakar Singh selbst. Berücksicht man diese nahe Verbindung, ist es äußerst unwahrscheinlich, daß Blavatsky und Olcott keine persönliche Verbindung zu Thakar Singh hatten. Außer er war, wie K.Paul Johnson überzeugt ist, K.H. Darauf verweist auch ein Brief, den Olcott am 1. Juni 1883 erhielt. In ihm heißt es "Wenn Sie nicht selbst ihre Schulter unter das Rad legen wollen, dann muß Kuthumi lal Singh in diesem Herbst von der Bühne verschwinden."45 Thakar Singh plante, nach England zu gehen, um Dalip Singh zu sehen, aber der Begründer der Singh Sabha erhielt keine Erlaubnis, Indien zu verlassen. Einige Monate später reiste dann Mohini Chatterji, ein Verwandter des Brahmo Samaj Führers von Indien nach Paris und England. Er ist jener Mann, über den Colonel Henderson bemerkte: " Ich hörte selbst aus England, daß Mohini Mohun Gelegenheit hatte, mit Dalip Singh engen Umgang zu pflegen." Über Mohini, einen hingebungsvollen Schüler Blavatsky’s, schrieb Captain Barnard: "Es ist höchst wahrscheinlich, daß Mohini einer ihrer (der Arischen Liga der Ehre) Informationsträger ist, und daß sein Bruder, Romoni, ihm auch Nachrichten schickt." Nicht zuletzt bemerkte Blavatsky selbst: "Am 17. Februar (1884) wird Olcott voraussichtlich wegen verschiedenster Geschäfte nach England segeln und Mahatma K.H. schickt seinen Schüler unter dem Deckmantel von Mohini Mohun Chatterjee."46 Besonders aufschlußreich ist ein Brief von "Meister K.H.", den der Herausgeber des Indian Mirror, Norendra Nath Sen publizierte, als Blavatsky und Olcott nach dreijährigem Indienaufenthalt erstmals Kalkutta, die Gründungsstadt der "Arischen Liga der Ehre" besuchten: "Entwerte nicht die Wahrheit, indem Du sie unwilligen Geistern aufzwängst. Suche nicht Hilfe von jenen, deren Herzen nicht patriotisch genug sind, um selbstlos für das Gute ihrer Landsleute zu arbeiten....Was können wir Gutes tun? wird gefragt, Welchen Vorteil können wir der Menschheit oder gar unserem Land verschaffen?..,,Lauwarme Patrioten sind sie, wahrlich. Während sein Land auf der Suche nach Leben und neuen Kräften untergeht, greift ein wirklicher Patriot nach einem Strohhalm. Aber gibt es wirkliche Patrioten in Bengalen? Hätte es viele gegeben, dann hätten wir sie bereits zu Euch geschickt, dann hätten wir Euch kaum erlaubt, drei Jahre in Indien zu weilen, ohne Kalkutta zu besuchen, die Stadt der großen Geister ohne Herz. Ihr mögt ihnen dies vorlesen. K.H."47

An wen dieser Brief gerichtet war, ist nicht schwer zu erraten. Captain Barnard bezeichnete Norendra Nath Sen als Mitglied der "Arischen Liga der Ehre", und daß zu dieser Zeit Kontakte zwischen bengalischen und punjabischen subversiven Elementen bestanden ist bekannt.48 Nach K. Paul Johnson schrieb K.H. während des Zusammenbruchs des Phönix-Abenteuers in einem Brief an Olcott im Ton patriotischer Verzweiflung, er sei "verpflichtet, alle seine Kräfte – soweit der Chohan es erlaube – seinem Land in dieser elften Stunde des Elends zur Verfügung zu stellen."49 Demnach gibt es genügend Hinweise, daß Thakar Singh während dieser Zeit in Verbindung mit der Nutzung des Namens K.H. gesehen werden kann. Das belegt wiederum, daß Blavatsky und manche ihrer Schüler in die Dalip-Singh-Affäre verstrickt gewesen waren.
 

7. The "French Connection"

1886 reiste Olcott in Begleitung von Lilian Edger durch den Punjab. An ihrem ersten Abend in Lahore speisten sie im Haus von Sirdar Amrao Singh, einem "Pfeiler der Strenge in unserem Zweig in Lahore". Amrao Singh, einer der Verschwörer, die versuchten, Dalip Sing wieder auf den Thron zu bringen, lieh Thakar Singh einen Diener, der geheime Briefe an verschiedene Maharajahs übermittelte, um deren Unterstützung zu erbitten.

In Paris war mittlerweile ein Buch mit dem Titel "L’Alliance Franco-Russe" erschienen. Der Verfasser war ein anonymer "Generaloffizier", hinter dem sich Nicholas A. Notovich verbarg. Später würde er das Buch "The unknown Life of Jesus Christ" schreiben, in dem einige Passagen auf HPB’s "Isis entschleiert" hinweisen. Diese Arbeit, in der Notovich behauptete, Jesus habe einige Jahre in Tibet gelebt wo er sich die Lehren des esoterischen Buddhismus aneignete, ist symptomatisch für die Tendenz der Gründer der TG, das Zentrum der religiösen Bedeutsamkeit von Ägypten in den Osten zu verlegen. Eines Tages würde Notovich einer russisch-englischen Allianz das Wort reden, aber noch war der bevorzugte Verbündete mancher Franzosen Rußland. Rudyard Kipling, nach Egon Friedell "der Sänger" der englischen Erfindung "Empire and extension", schrieb über ihn in seiner Kurzgeschichte "The Man who was" unter dem Decknamen "Dirkovich": "Er (Notovich) verdiente sein Brot, indem er dem Zaren als Offizier in einem Kosakenregiment diente..,,und indem er für eine russische Zeitung schrieb, deren Name nicht zweimal derselbe war..er wurde in russischer Manier mit kleinen emaillierten Kreuzen dekoriert und er wollte zur Stunde sein Herz ausschütten über die glorreiche Zukunft, die die vereinigten Truppen von England und Rußland erwartete, wenn die große Mission der Zivilisierung Asiens beginnen würde."

Notovich’s Buch, "L‘ Alliance Franco-Russe", war Gegenstand hitziger Debatten im Pariser Haus von Juliette Adam. Ihren Salon rühmte HPB in einem Brief an ihre Schwester Vera: "Du wirst dort die Elite der Pariser Gesellschaft und Intelligenz sehen. Renan, Flammarion, Madame Adam und eine Menge Aristokraten aus dem Faubourg St. Germain."50 In Rußland sah Madame Adam den einzig möglichen Verbündeten Frankreichs, um Elsass und Lothringen zurückzugewinnen. Über sie schreibt K. Paul Johnson in "The Masters Reveiled": "1880 hatte sie einen langen sympathieerfüllten Artikel über Theosophie in ihrer Zeitung veröffentlicht und in den nächsten beiden Jahren publizierte sie Artikel von HPB’s russischen Freunden Lydia Pashkov und Vsevelod Solovyov. Eng mit Juliette Adam arbeitete der als Ilya Faddeyevich geborene Elie de Cyon zusammen. Beide interessierten sich für Dalip Singh, der sich gelegentlich in Paris aufhielt. Gestützt auf die angebliche Prophezeiung Guru Gobind Singh’s war der exilierte Maharajah von seiner Pflicht, den Punjab von den Briten zu befreien überzeugt. Die dafür nötigen indischen Fürsten wählte er sichtlich in Paris aus, wie die Nachricht des Spions Tevis an London bestätigt. Es war dieser britische Agent, der Dalip Singh bei Elie de Cyon eingeführt hatte!

1833 war Cyon nach Moskau gereist, um den Herausgeber der Moskauer Gazette, Mikhail Katkov, zur Agitation für eine französisch-russische Militärallianz zu bewegen. Zwar schien eine Allianz zwischen der obskurantistischen Autokratie und den Republikanern - den atheistischen Erben von 1789 unmöglich, aber für die ehrgeizigen Generäle in Paris und St. Petersburg machte es Sinn, England und seine verhaßte Marine davon abzuhalten, an Deutschlands Seite zu treten. (Daß Deutschland dieses 1895 tatsächlich erfolgende Anbot der Briten ablehnen würde, konnte niemand ahnen. Bismarck hätte es angenommen.) Cyon wußte, worauf es im imperialen Rußland ankam, man mußte zum Herzen und zum Verstand des Zaren vordringen und Alexander III. hörte auf den Herausgeber Katkov, der schon während der Penjeh Krise in die russischen Pläne für Britisch-Indien verwickelt gewesen war. Drei Jahre nach Cyon’s Treffen mit Katkov erschien in der "Moskauer Gazette" vom 20. Juli 1886 ein erstaunliches Editorial mit der Signatur "K". (Cyon selbst verfaßte einen Großteil davon). In ihm wird eindringlich die Beendigung des Draikaiserbundes verlangt. Das war ein streng geheimgehaltener Vertrag, aber offensichtlich wußte Katkov eine ganze Menge von ihm. Kurz nach Veröffentlichung dieses Artikels, schlug ein Beamter des deutschen Außenministeriums vor, Katkov mit einer geheimen Zuwendung von 50.000 Rubeln im Jahr zu bestechen. Bismarck verwarf den Plan, aber dieses Vorkommnis belegt, daß das Interesse des deutschen Nachrichtendienstes an Katkov und dessen Intrigen erwacht war. In Berlin begann man sich auch stark für Elie de Cyon zu interessieren.51

Zu diesem Zeitpunkt ernannte Madame Adam Cyon zum Herausgeber der "Nouvelle Revue", um (mit Cyon’s Worten) "in Paris ein Publikationsorgan zu besitzen, das in Frankreich die Kampagne unterstützt, die in Rußland von der Moskovskie Vyedomosti vorangetrieben wird." Die Polizei des Punjab war zu Recht alarmiert, wie folgender Bericht belegt, der sich im September 1886 in den Polizeibarracken von Multan fand:

"Ich, ein Spion des russischen Monarchen, habe das russische Territorium vor drei Monaten verlassen. Ich erhielt einen Lohn von 140 Rupien im Monat. Ich bin in den Punjab gekommen, um die Militärverwaltung zu beobachten und Nachrichten darüber zu geben.

Ein anderer Spion kam heute an und hat die Information gebracht, daß Italien und die Türkei sich mit dem russischen Monarchen verbündet haben.

Der Khediv von Ägypten hat verlauten lassen, er wolle sein Land selbst regieren. Das Unglück der Regierung ist jedermann bekannt.

Maharajah Dalip Singh war für einige Zeit mit dem russischen Monarchen zusammen und hat jetzt das Kommando über 75.000 Soldaten in Paina erhalten.

In Burma sind Tausende Regierungsangestellte in der Schlacht getötet worden.

Der Mahdi hat sich im Sudan etabliert.

Keine Sendungen der Regierung können dieses Land passieren. In Buchara sind Mengen von Nahrung und Tieren für die Soldaten gesammelt worden. Engländer in hohen Positionen schicken ihre Familien nach Hause.

Der russische Monarch, dem das Wohlergehen der Bevölkerung des Punjab und von Hindustan am Herzen liegt, warnt diese davor, alles Geld, das sich in den Händen der Regierung befindet zurückzufordern, weil sie das bereuen könnten. Der Amir von Kabul hat sich auch mit dem russischen Monarchen verbündet.

Eine Botschaft wurde an den Mahdi geschickt, sofort in den Punjab zu kommen, weil die Mohammedaner nach ihm verlangten. Wer immer den Wunsch hegt, in russische Dienste zu treten, kann dies in Buchara tun, je nach seinen Fähigkeiten. Die russische Sprache wird mehr gepriesen als die englische. Sie wird jetzt in Buchara gesprochen."52

Dank ihrer Spione waren die Briten von allem Anfang an über die Verschwörung informiert gewesen. Jeder Schritt von Dalip Singh und dessen Mitverschwörern war beobachtet worden. Auch Thakar, als Schlüsselintrigant Dalip‘s in Indien enttarnt, stand ständig unter Beobachtung und sein Nachrichtenaustausch wurde abgefangen. Wollte er sich irgendwohin begeben, was er zweimal Ende April (1887) vorhatte, weil er nach Bombay wollte, um den Maharajah bei dessen Ankunft zu treffen, mußte er die Erlaubnis der Kolonialregierung einholen. Durand beschied jedes Mal "keine Antwort". Vom Hotel Imperial zog Thakar in den Sikhtempel von Kotwali um, aber man hinderte ihn daran, Delhi zu verlassen. Er befahl seinem Namensvetter Thakar Singh von Vagha und einem Diener namens Jowand Singh dringend nach Bombay zu reisen, um sich von dort nach Aden einzuschiffen. Kein Versuch, die beiden aufzuhalten, erfolgte. Am 8. Mai kamen sie in der Kolonie an. Diese Vermehrung der Thakars verwirrte die Briten, besonders General Hoggs, der glaubte, sie wären eine Art extreme Sikh-Sekte. "Das ist sein Name", kabelte Durand von Simla aus und vermehrte nur die Konfusion, indem er hinzufügte, dies sei der besagte Thakar Singh Sandhanwalia, der im Punjab die Sache des Maharajah vorangetrieben habe.

Einige der führenden Spione der Briten im Dalip Singh Komplott waren: Inspektor J. C. Mitter: ein Detektiv in Kalkutta, der nach Dalip Singh’s Ankunft in Moskau anonym an den Maharajah schrieb und sich als heimlicher Unterstützer ausgab. Auf ihn nahm Dalip Singh in seinen Briefen als "meinen unbekannten Freund" Bezug.

Abdul Aziz-du-Din: ein Detektiv im Dienst der indischen Abteilung des Außenministeriums, bekannt als "Lambertes Man". Sein späterer Codename war "L.M.". Als "Ali Muhammed" drang er in die Exilregierung von Lahore in Pondicherry ein. Er steht unter dem Verdacht, Thakar Singh ermordert zu haben.

Amrik Singh: ein gegenüber der Regierung in Indien loyaler Sikh-Detektiv. Seine Decknamen waren "Bhaghat Singh" und "Jaswant Singh". Seinem Führungsoffizier im Department für die Unterdrückung der Thugee und Docoity (einer Spezialabteilung der indischen Polizei) war er als Agent "A.S." bekannt. Er figurierte auch als "Vater des Turbans", der den vollständigen Plan der Revolte von Thakar Singh erfuhr.

Ein anderer Doppelagent war General Francis F. Miller, ein Abgesandter der Dynamit-Gruppe in Amerika. Der Agent der Irischen Bruderschaft der Fenier, der ein Attentat geplant haben soll, um die Königin Victoria in die Luft zu sprengen, stand auf der Gehaltsliste der Regierung Ihrer Majestät.

Der wichtigste britische Agent war jedoch General Carrol-Tevis. Nach James Monro, Hauptkommissar von Scotland Yard, trat er bei den Maskenbällen in Madame Adam’s Haus als Duc de Guise, "Hauptagent der Irischen Republikanischen Bruderschaft in Europa" auf. Das Irische "Schwarze Pamphlet" beschrieb ihn als einen amerikanischen Glückssoldaten und notorischen Bombenattentäter. Jeden Monat, beginnend mit dem ersten Monat des Jahres 1886, wurden Tevis hundertelf Pfund Sterling ausbezahlt,53 aber sein Geheimnis blieb derart gut gewahrt, daß selbst Edmund Neel vom Politischen und Geheimdepartment des Außenministeriums nichts von der Existenz des Spions Tevis wußte. Hingegen las Lord Cross, der Staatssekretär für Indien, jede seiner Nachrichten. Bis zum bitteren Ende der Verschwörung nahm dieser "Korrespondent" der britischen Krone an der verdeckten Operation in Sachen Dalip Singh teil. Dessen Sohn, Prinz Victor Dalip Singh bezeichnete ihn in der Heiratsurkunde des Maharajahs als "Offizier der Ehrenlegion, der "die ganzen Geschäfte meines Vaters geführt hat." Keiner der Verschwörer bezweifelte jemals seine Solidarität.
 

8. Die Zerschlagung der Dalip Singh Verschwörung

Im April 1887 traf Dalip Singh, aus Paris kommend, in Moskau ein. Am 30. Mai fleht Michail Katkov auf seinen Knien liegend den Zaren in Gatchina um Vergebung an. Der britische Spion Tevis hatte Dalip Singh bei Elie de Cyon, Katkov’s rechter Hand in Frankreich eingeführt, und es waren die Fenier von Tevis, die Dalip nach Rußland brachten, um Katkov am Zarenhof zu diskreditieren. Die Briten setzten dabei auf eine Schlüsselfigur in der kaiserlichen Regierung Rußlands, den lutheranischen, aus Schweden gebürtigen Außenminister Nikolai Girs, einen baltischen Adeliger, dessen Name nach Art des Hofes in St. Petersburg zu Nicholas de Giers gallisiert worden war. Er war ein treuer Verteidiger des Bismarck‘schen Friedens, den der Dreikaiserbund garantieren sollte, und ein erbitterter Gegner Katkovs.

Als Dalip Singh sich aufmachte, nach Rußland zu gehen, hatte er keine Ahnung von dem Gift, daß die Briten ständig diskret in die Ohren de Giers träufelten. Wie raffiniert man dabei vorging, bestätigt ein Brief von Lord Kimberley an den Sekretär des Politischen und Geheimdepartements in London; "Der russische Botschafter fragte mich letzte Nacht, wer Dalip Singh sei, da er seinen Brief gesehen hatte, in dem er sagt, er werde nach Rußland gehen. Ich erzählte es ihm in Kürze"54

Am 12. April fing der russische Geheimdienst ein Telegramm aus Berlin an den deutschen Botschafter in St. Petersburg ab, das auf einen soeben eingegangenen, aus Paris stammenden Bericht über Elie de Cyon Bezug nahm. Er wurde an den Zaren weiter geleitet, der ihn de Giers übergab. In ihm hieß es, Cyon sei "ein gefährlicher Revolutionär", der in Kreisen französischer Parlamentarier gesagt haben sollte, er "arbeite auf einen deutschen Krieg gegen Rußland hin, denn Rußland werde besiegt werden und dadurch werde der Zar gezwungen, eine Verfassung zu erlassen." Die Antwort, die am nächsten Tag Von Bülow, der deutsche Geschäftsträger in der russischen Hauptstadt an Berlin sandte, war noch außerordentlicher: Cyon sei "ein verlogener und bestechlicher Jude mit revolutionären Tendenzen...und stehe Katkov nahe". Das bedeutete, daß der Herausgeber der "Moskauer Gazette" entweder verrückt war oder ein heimlicher Revolutionär. Als der Zar das abgefangene Telegramm in seiner Hand hielt, bemerkte er: "Die Deutschen hassen Katkov wirklich oder...?".

In Europa herrschte Kriegsangst, seit die Berliner "Post" in einem Artikel im April 1875 über zunehmende Truppenansammlungen des französischen Heeres berichtet hatte. Im Mai desselben Jahres war der Zar mit Gortschakow nach Berlin gekommen. Dieser sandte nach seiner Unterredung mit Bismarck ein Rundschreiben an die russischen Gesandten, das mit den Worten begann: maintenant la paix est assuree, "Gegenwärtig ist der Friede garantiert". Bismarck war zutiefst verstimmt, denn das ließ den Schluß zu, Deutschland hätte ernsthaft an Krieg gedacht und wäre nur dem diplomatischen Druck des allmächtigen Rußland gewichen. Gegen Ende des Jahres 1886 rückte die Kriegsgefahr in Europa wiederum in allernächste Nähe, als General Boulanger, der sich von einem Krieg "eine napoleonische Karriere" versprach, umfangreiche Mobilisierungsmaßnahmen traf. Monarchisten und Bonapartisten, die den Parlamentarismus ablehnten und außenpolitisch auf den revanchistischen Patriotismus setzten, hatten bei den Wahlen im Jahr 1885 beinahe die absolute Mehrheit erreicht. Der populäre General Boulanger warb um ein plebiszitäres Mandat der Massen, ließ die Armee mit den Arbeitern fraternisieren und stieg zum Haupt der "Partei der Unzufriedenen" auf. Das war der politische Hintergrund, vor dem die letzte Phase der Verwicklung Michael Katkov’s in die Dalip Singh Verschwörung begann.

Am Osterabend, dem spirituellen Höhepunkt des russischen Jahres, traf das kaiserliche Paar von Gatchina kommend in St. Petersburg ein. Um Mitternacht zelebrierte man in der Kapelle des Winterpalastes die Ostermesse. Der Lutheraner de Giers war nicht eingeladen und kein einzigeer Botschafter fand seinen Weg in das Außenministerium, in dem der Außenminister und sein treuer Gehilfe, Graf Lamsdorf, die ganze Nacht über wach blieben. Drei Tage später erfuhr de Giers bei einem diplomatischen Empfang der Britischen Botschaft eine noch größere Demütigung, von der Cyon berichtete: "Sir Robert Morier schlug nach dem Essen, bei welchem großzügige Mengen von Wein vereinnahmt worden waren, einen kräftigen Ton an....Umgeben von Diplomaten und hohen Beamten kündigte er plötzlich seine bevorstehende Abreise nach Moskau an...Der Botschafter erzählte der glänzenden Gesellschaft, daß er eben Königin Viktoria geschrieben habe, um sie zu fragen, ob er sich in die Nähe Katkovs begegen solle. Man weiß hier nicht mehr, mit wem man sich in politischen Fragen unterhalten soll. N. de Giers spricht weder für das russische Volk, noch, wofür wir eben den Beweis erhalten haben, für den Zaren."

Zu diesem Zeitpunkt war De Giers schon mehr als bereit für den Kampf gegen Katkov, aber dazu benötigte er eine Waffe. Sie war bereits in einem Zug aus Paris eingetroffen, in Gesellschaft eines englischen Mädchens und mehreren Hunden. Während de Giers in seinem Ministerium vergeblich auf die kaiserliche Ehrenbezeugung gewartet hatten, kam es zum ersten Treffen des Maharajah und Katkov‘s in dessen Appartement in der Nähe der Büros der Moskauer Gazette am Strastnyi Boulevard. Der russische Außenminister war weder von Dalip’s Ankunft in Moskau, noch von dieser Begegnung informiert gewesen. Als er sich am 30. April mit dem britischen Botschafter traf, waren beide sehr verwirrt. De Giers war "betroffen und gelähmt durch die abnorme Situation, in welche ihn dieser außergewöhnliche, ich sollte wohl sagen groteske Vorfall gebracht hatte", berichtete Sir Robert. "Er hatte beim Versuch, festzustellen, in wessen Begleitung Dalip Singh die Grenze überschritten hatte, völlig versagt."

In Paris triumphierte der Zirkel von Madame Adam, Dalip‘s Gegenwart im Zarenreich war ein Symbol für die Demütigung der verhaßten deutschen Partei. Aber in St. Petersburg arbeiteten nun der britische und russische Außenminister eng zusammen. Sir Robert, um Dalip Singh daran zu hindern, Indien zu erreichen, und de Giers, um Katkov’s Coup zu verhindern. Lord Salisbury berichtete: "Ich sah N. de Giers heute wieder und fragte ihn, welche Antwort ich auf das Telegramm ihrer Lordschaft geben sollte." Dabei handelte es sich um ein Kabel vom 27. April bezüglich des Vorhabens, Dalip an der Rückkehr nach Indien zu hindern. "Er hatte den Herrscher gesehen", berichtete Salisbury, "und würde daher, so sagte er, in der Lage sein, mir eine Antwort zu geben. Ihre Majestät scheint sehr wütend über ihre Polizei gewesen zu sein, daß diese keine Kenntnis davon hatte, was vorging und daß sie festellen mußte, daß der britische Botschafter offenbar eine besssere Polizei besitzt als sie selbst in ihrer eigenen Hauptstadt, eine Angelegenheit, die N. de Giers noch dadurch verbesserte, daß er bemerkte, ein Nihilist könne leicht auf dem selben Weg ins Land gelangen....Durch das Innenministerium bin ich sehr geneigt zu glauben, daß N. de Giers sich mit der Opposition getroffen hat, nicht daß ich glaube, Graf Tolstoi könne auch nur einen Moment M. Katkov in seiner Intrige mit Dalip Singh helfen oder ihn unterstützen, denn er ist eine verstockte Art von Mann, der nie aus den Augen verliert, welch große Beschwerung seiner Ansicht nach Rußland durch England erleidet, den Hafen solcher nihilistischer Flüchtlinge wie Hartmann einer ist."

Als Reaktion auf die Ermordnung Alexander II. betrieb Alexander III. eine Politik der schärfsten Reaktion, die sich nicht nur im sozialen und politischen Bereich äußerte. Sein allein das Russentum glorifizierender Panslawismus führte zur rücksichtslosen Russifizierung der nichtrussischen Völker des Reiches. Anschluß an die Entwicklung in Westeuropa fanden in Rußland nur die Intellektuellen, und so war seit den Dreißigerjahren eine Opposition entstanden, die den Staat grundsätzlich ablehnte. Diese Nihilisten, die den Individualterror vertraten und praktzierten, bereiteten den Boden für die spätere Repetion des Marxismus vor. Einer von ihnen war Leon Hartmann, der ein Attentat auf den Zaren geplant hatte und in England untergetaucht war.

In seinem Brief fuhr Lord Salisbury fort: "Ihre Exzellenz (de Giers) erklärte, daß die Ausweisung des Maharajahs aus Rußland einen großen Skandal hervorrufen werde, er könne mir aber versichern, daß dieser beobachtet werde und daß die nötigen Maßnahmen getroffen würden, daß er harmlos bleibe....Er war jedoch höchst besorgt, daß ich nicht bezeugen könnte, er habe alles getan, um die Regierung ihrer Majestät dazu zu bewegen, die Harmlosigkeit Dalip Singhs zu garantieren, denn er sagte: ‚wer kann uns erzählen, was alles passieren könnte, wenn wir die Erfahrung bedenken, die wir eben gemacht haben‘".55

De Giers Gegenschlag gegen Katkov begann, während Dalip Singh glaubte, er wäre nicht mehr aufzuhalten und es sei an der Zeit, einen Abgesandten nach Indien zu schicken, um den großen Aufstand vorzubereiten. Aber in Indien war die Polizei längst tätig geworden. Seit Ende 1886 wanderte alles, was mit dem Maharajah zusammenhing, über den Schreibtisch von Colonel Philip Durham Henderson, jenem Spion, der von der Britisch-Indischen Regierung schon früh auf die Beschattung HPB’s und Olcott angesetzt wurde. Die Maharajah-Akte war nun die Angelegenheit der Spezialabteilung für den Punjab und Henderson sollte, ausgehend von Simla, der Sommerresidenz, eine indienweite Operation starten, bei der er eng mit seinem ministeriellen Vorgesetzten, Sir Henry Mortimer Durand, dem Außenstaatssekretär der Kolonialregierung zusammenarbeitete. Durand war ebenso begierig wie de Giers, die Verschwörer zu vernichten. Eine wesentliche Rolle dabei spielte die russische Botschaft in Paris, wo sich die von Dalip und Katkov gesponnenen Intrigen auf für die Verschwörer höchst unglückliche Weise aufzulösen begannen. Denn die Botschaft in der Rue de Grenelle beherbergte nicht nur Diplomaten. Seit 1884 war sie das Operationszentrum der Zagranichnaia Agentura, der französischen Außenabteilung der russischen Geheimpolizei Okhrana. In zwei kleinen Zimmern im Erdgeschoß untergebracht, beschäftigte ihr Leiter, Peter I. Rachkovski, ein Netzwerk von Provokateuren und Strohmännern, deren Aufgabe es war, die revolutionäre Gruppen in Frankreich und ganz Westeuropa zu infiltrieren. Rachovski war alles andere als ein im Dunkeln munklender Meister der Spione. In St. Cloud unterhielt er eine luxuriöse Villa, wo er verschwenderische Bankette für Politiker und Journalisten veranstaltete. Auch er war ein Partisan der franko-russischen Allianz, allerdings aus pragmatischen Gründen. Die Revolutionäre arbeiteten gegen engere Bindungen mit dem kaiserlichen Rußland, und es war die Aufgabe der Außenstelle, die öffentliche Meinung Frankreichs in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Unter seinen Informanten befand sich auch ein Mann namens Katakaz, ein ehemaliger russischer Minister in Washington, der 1872 auf Verlangen der US Regierung zurückbeordert worden war und sich nun als Strohmann der Okhrana mühsam in Paris durchschlug.

Am 29. Mai erhielt der Zar von Baron Mohrenheim, dem russischen Gesandten in Paris ein Telegramm, das besagte: "Freycinet eliminiert. Floquet versucht Premier zu werden. Floquet hat Präsident Grevgency den Brief gezeigt." Dieser angeblich von Katkov geschriebene Brief, wonach es die Russen schätzten, sollte Floquet Premierminister werden, war eine Fälschung. Charles Louis de Saulces, der einen führenden Anteil am Zustandekommen der französisch-russischen Allianz im Jahr 1894 haben würde, erhöhte die französische Bündnisfähigkeit durch Aufrüstung des Heeres und Verlängerung der Wehrpflicht. Hingegen hatte Floquet, durch den Katkov angeblich Freycinet ersetzen wollte, den Zaren anläßlich eines Besuches in Paris zutiefst beleidigt. Alleine die Erwähnung von Floquet‘s Namen mußte auf Alexander wie ein rotes Tuch wirken.

Findet die Hintermänner der Verschwörung, lautete die eilige Parole von Moskau an Paris. Sie "muß aus der Rue de Grenelle kommen." Katkov nannte Ktakazi, "einen Mann, der alles oder jeden verkaufen würde."56 In Paris versuchte Cyon in der kaiserlichen Botschaft die Wahrheit über den gefälschten Floquet-Brief herauszufinden. Dazu benutzte er jeden düsteren Kontakt in der Stadt. Wie er später berichtete, gab es drei Verschwörer. Einer von ihnen war tatsächlich Katakazi, unterstützt von einem Pariser Journalisten, A.M. de Civiny, und dem Zweiten Sekretär der Botschaft, Nicholas de Giers, der Sohn des russischen Außenministers.

Aus Balmoral schrieb der britische Staatssekretär für Indien: "Mir wurde berichtet, daß in Rußland in seiner Angelegenheit Untersuchungen angestellt wurden – mit wenig zufriedenstellenden Resultaten – große Verstimmung wurde hervorgerufen. De Giers, da bin ich sicher, wird sich nicht für jede wertlose Sache zur Verfügung stellen, aber Katkoff würde alles mitmachen, wenn er die Macht dazu hätte." Dieser Brief an den Vizekönig in Indien endet mit der bedeutungsvollen Zeile: "Sie fragen nach einer frankorussischen Allianz. Bismarck hat alles getan, was in seiner Macht steht, um uns zu helfen...Rußland ist wutentbrannt."57

Der deutsche Kanzler wurde auch direkt von der kaiserlichen deutschen Botschaft in London angeschrieben. Aber Berlin war nicht ganz auf dem Laufenden. Am 30. April stellte der erste Sekretär im Carlton House Terrace, Graf von Plessen, in einem Schreiben an Bismarck fest: "Dalip Singh erschien in St. Petersburg, begleitet von einem Iren und hatte Kontakt mit Katkov und anderen Führern der Oppositionspartei. Diese Neuigkeit ist einem Telegramm zu entnehmen, das nicht vollständig lesbar war, aber ich konnte daraus entnehmen, daß Singh nicht im Besitz eines Passes war, sondern die Erlaubnis, Rußland zu betreten, durch das Büro von General Bogdanovich erhielt, dem Autor des Pamphlets ‚L’Alliance Franco-Russe‘."58

Vermutlich las von Plessen ein abgefangenes britisches Diplomatentelegramm. Aber Dalip war nicht in St. Petersburg, sondern in Moskau "erschienen" und der falsche Verdacht, Bogdanovich wäre der Verfasser des aufrührerischen Buches, half bei der späteren Verurteilung des Generals und Dalip Singh’s. Nicht einmal Elie de Cyon wußte, daß der wahre Verfasser von "L’Alliance Franco-Russe" Nicholas Notovich war.

Der Zar war wütend, berichtet Tolstoi: "Wie kann sich Katkov mit solchen Schurken umgeben?". Nicht nur, daß Katkov danach strebte, die russische Außenpolitik zu bestimmen, er versuchte auch, in Frankreich eine Regierung seiner Wahl zu errichten, und das kam einen Staatsstreich gleich. Graf Ignatiev wurde mit der Angelegenheit befaßt. Jedes Schriftstück mußte vom Minister des Inneren abgestempelt werden. Der oppositionelle Tolstoi hatte seine eigenen Gründe, besorgt zu sein. Er war selbst kompromitiert, denn er hatte die Maharajah-Akte gesehen. Seine Dementis konnte Katkov nur gegenüber Tolstoi loswerden. Es war "eine Verschwörung...der Brief war eine Fälschung...warum hatte der Zar diesen Schatten über ihn geworfen?". Aber Katkov mochte beteuern, so oft er wollte, daß der Floquetbrief eine Fälschung sei, die Tatsache von Dalip Singh‘s bemerkenswerter Zugreise nach Moskau konnte er nicht leugnen. Denn der Zar hatte "gleichzeitig sehr kompromittierende Informationen über General Bogdanovich, den Juden Cyon, mysteriöse Angebote an General Boulanger in Paris, und die merkwürdigen Aktivitäten einer Truppe irischer Akrobaten in der Bahnstation von Verjbolovo" erhalten. Wenn sie so leicht über die Grenzen des Reiches gelangen konnten, war das auch nihilistischen Attentätern, möglich rief de Giers seinem Herrscher hilfreich in Erinnerung. Mikhael Katkov flehte umsonst um Vergebung.

In diesem Meisterspiel von Spionage und Gegenspionage war es Whitehalls Direktive nicht, Dalip Singh aufzuhalten. Was man wollte, war Katkov zu ruinieren. Nachdem der Herausgeber zu Dalip in persönliche Beziehung getreten war, setzten ihn die Briten mit deutscher Hilfe fest. Katkov wurde vernichtet, weil er gegen das Dreikaiserbündnis war und für einen Krieg gegen England. "Das britische Außenministerium erfand ein Bombenattentat in London – mit Ausgangspunkt in Stoke Newington – sie wollten den Zaren töten und Katkov sollte die Regierung übernehmen." Der Auslandsgeheimdienst verriet dem Zaren das geplante Attentat und daß Katkov‘s Werkzeug der Maharajah sei. Michael Katkovs Ansehen war zerstört, einen Monat später starb er."59

Um einen Krieg in Europa zu verhindern, hatten die Geheimdienste mit höchstem Einsatz gepokert. Für die Briten wog dieses Ziel sogar den möglichen Verlust von Britisch-Indien auf. Daß es vorderhand zu keinem Krieg kam, ist ebenso Geschichte wie die Tatsache, daß der britische Imperialismus durch den 1. Weltkrieg alles erreichte, was er sich erträumt hatte: den Länderblock Kap-Kairo-Kalkutta, die Abschaltung Rußlands von Vorderasien, und den Abschluß Deutschlands vom Welthandel.
 
 

Anmerkungen und Quellennachweis
 

40 Gilbert, R.A., Revelations of the Golden dawn, "97 pp. 5-6, und Howe Ellic Free Masonry in England

41  Unpublished letter, Archive TS Adyar

42  Deveney "Theosphical History Occasional Papers" Vol.VI p. 56

43 Hall, Manly P., Madame Blavatsky – A Tribute, Theosophia, Mai-Juni 1947, pp.10-11

44 Olcott, Old Diary Leaves, Vol. l, pp.468-69

45 Jinarajadasa, Comp.Letters from the Masters of Wisdom, Second series, pp.80-81

46 Blavatsky, Letters, 65

47  The Indian Mirror (Calcutta), Vol. XXII, April 14, 1882, p. 2

48 Zavos, John, The Emergence of Hindu Nationalism in India, Delhi, Oxford University Press, 2000

49 Johnson, K.Paul, The Masters Revealed

50 Letters of H.P.B. to Hartmann, The Path, Mai 1895, S.36

51 German Foreign Ministry: Russland 82, Nr. 4, secr. Katkov

52 India Office Records: L/P&S/18/D152, S.24

53 Public Record Office, FO 27/2797

54 India Office Records: L/P&S/8/1

55 Public Record Office, Kew, London: FO 181/683/2

56  George W. Kennan, The Collapse of Bismarck's European Order p. 326

57 India Office Records: Mss Eur E243/14

58 India Office Records: Mss Eur E243/22

59 Campbell, Christy, Interview zur Veröffentlichung von "The Maharajah’s Box"
 

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